Als Gott die Formel 1 im Stich gelassen hat

29. April 2014, 16:05
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Vor 20 Jahren verunglückte Ayrton Senna in Imola tödlich. Auch der Österreicher Roland Ratzenberger starb an jenem Wochenende

Wien - Der 1. Mai 1994 war ein Sonntag. In Imola stand mit dem Grand Prix von San Marino der dritte Saisonlauf der Formel 1 auf dem Programm. Das Unglück aber, das über der veralteten Rennstrecke Enzo e Dino Ferrari hing, hatte schon am Freitag im Training begonnen. Da flog der Brasilianer Rubens Barrichello im Jordan von der Strecke, überschlug sich mehrmals, blieb kopfüber liegen. Barrichello überlebte mit viel Glück.

Ein Glück, das der Österreicher Roland Ratzenberger, der 33-jährige Neueinsteiger, dann am Samstag nicht hatte. Sein Simtek verlor bei 300 Stundenkilometern den Frontflügel. Das Auto schlug in die Mauer ein, Ratzenberger verstarb im Spital, er war der erste Tote in der Formel 1 seit Riccardo Paletti 1982; und der fünfte österreichische Formel-1-Pilot nach Jochen Rindt, Helmut Koinigg, Markus Höttinger und Jo Gartner.

Roland Ratzenberger verunglückte am Samstag tödlich. Sein Simtek verlor den Frontflügel. (Foto: APA/Loubat)

Das Rennen am Sonntag, dem 1. Mai wurde dennoch gestartet. Ayrton Senna, der dreifache Weltmeister, der in dieser Saison von McLaren zu Williams gewechselt war, startete aus der Pole. Ein Startcrash hinter dem 34-Jährigen brachte das Safety-Car auf die Strecke. Zwei Runden nachdem das Rennen wieder aufgenommen wurde, flog der Führende mit 300 Stundenkilometern aus der Tamburello-Kurve. Niki Lauda sagte: "Gott hat seine schützende Hand von der Formel 1 genommen."

An diesem 1. Mai 1994 starb in Imola einer, der die oberste Spielklasse des Autorennfahrens neu definiert hatte. Ayrton Senna da Silva war, ohne Zweifel, ein gnadenloser Wettkämpfer, wovon Österreichs Gerhard Berger, sein zeitweiliger Teamkollege, Spannendes erzählen kann. Mit Alain Prost, dem vierfachen Weltmeister und Stallkollegen bei McLaren, lieferte er sich sehenswert beinharte Kämpfe. Mit voller Absicht rammten sie einander zuweilen, nicht selten schrammte ihre Beziehung an der Handgreiflichkeit. "Er hat eine Epoche geprägt, die es nie mehr geben wird", sagt Prost, "Senna hat mich gezwungen, über meine Grenzen zu gehen."

Bei Lotus feierte Senna 1985 seinen ersten Sieg. In Estoril und natürlich im Regen. (Foto: APA/AP/Ricardo)

Darüber hinaus aber war Senna, der Spross aus wohlhabender Familie, ein umfassend interessierter Mensch; war belesen, musikalisch, weltoffen, sammelte Kunst, spielte Klavier, zitierte zuweilen Plato, las Shakespeare und - ja - Freud. Das alles zusammen - der Wagemut auf der Rennstrecke und die humanistische Grundierung - ließ den kleinen Mann aus São Paulo schillern, zu einer Figur werden, in die mehr hineinpasst als das Autofahren.

Daran lag es wohl auch, dass sein weitaus erfolgreicherer Nachfolger in mancherlei Hinsicht eine eher blasse Erscheinung geblieben ist. Michael Schumacher war 1994 als WM-Führender nach Imola gekommen. Er gewann auch den Grand Prix von Imola, der 37 Minuten nach dem Unfall neu gestartet wurde. Gerhard Berger hatte als Führender seinen Ferrari vorzeitig eingeparkt. Schumacher holte 1994 den ersten von sieben WM-Titeln.

Der Unfall hatte auch ein juristisches Nachspiel. Der Stardesigner Adrian Newey, heute bei Red Bull, wurde vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen, endgültig 2005. Heute gibt er Fehler bei der Konstruktion des Williams zu. "Ich hatte mich bei der Aerodynamik des Autos verrechnet. Das Fenster an Bodenfreiheiten, in dem das Auto funktionierte, war zu klein."

Der Park von Imola: Eine Statue zum Gedenken an Ayrton Senna. (Foto: Reuters/Garofalo)

Im Wrack des Williams fand man eine österreichische Flagge. Ayrton Senna, der sein neues Auto allmählich in den Griff zu kriegen glaubte, wollte sie in der Auslaufrunde zu Ehren des Roland Ratzenberger schwenken. Den Sieg, so es denn einer werden würde, wollte er dem Verunglückten widmen. Stattdessen widmete ihm Brasilien fünf Tage später ein Staatsbegräbnis inklusive dreitägiger Staatstrauer.

Sein Grab auf dem Cemitério do Morumbi von São Paulo ist bis heute eine Pilgerstätte. Im Training zum nächsten Rennen, dem Grand Prix von Monaco, verunfallte der Österreicher Karl Wendlinger und überlebte, in mehrwöchigem Koma, nur knapp. Erst dann ging man daran, die Rennstrecken einem strengen Sicherheitscheck zu unterziehen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 30.4.2014)

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