Die besten Indie-Games im April: Krieg der Bros und Wikinger

Ansichtssache1. Mai 2014, 12:00
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Ob satirisch, gruselig, rätselhaft oder brachial - diese Spiele werden Sie gut unterhalten

April ist nicht nur der Monat des großen europäischen Indie-Festivals, der A MAZE Berlin - der GameStandard berichtete -, sondern traditionell auch zu Monatsbeginn die Zeit für Scherzkekse. Dass aus manchem Aprilschez Ernst werden kann, beweist ein Indie-Spiel, das sich an Skurrilität nur schwer toppen lässt: Der "Goat Simulator" entstand als bizarrer Gag bei einem Game Jam, doch die Macher von Coffeestain Studios hatten nicht mit der begeisterten Reaktion der Öffentlichkeit gerechnet: Was als Scherz zum ersten April gedacht war, wurde Realität.

Sinnloser Zerstörungswahn

Weil sogar die Macher selbst offenherzig dazu raten, statt des Spiels "lieber einen Hula-Hoop-Reifen oder eine echte Ziege" zu kaufen, kann man ihnen auch nicht wirklich böse sein, dass die bizarre Ziegensimulation kaum mehr als eine Stunde sinnlosen Zerstörungswahn in einer eher kleinen Sandbox bietet - allerdings sind die Entwickler gerade dabei, mit kostenlosen Updates regelmäßig Content nachzulegen - als Erstes soll Ziegen-Parkour dran sein. Na dann.

Bild: FTL: Advanced Edition

Eine bei weitem bessere Nachricht für Indie-Freunde: Das 2012 veröffentlichte Space-Roguelike "FTL" ist nicht nur endlich für iOS erschienen, sondern bietet auch für Besitzer des Originals auf Windows, Mac und Linux Motivation, wieder in die knüppelharten Weltraumodyssee einzutauchen: Die "Advanced Edition" bietet neue Gegner, Schiffe und Überraschungen und wird einfach per kostenlosem Update erweitert - Freunde des Indie-Hits sollten also einen erneuten Blick auf das vielfach preisgekrönte Spiel werfen.

Natürlich gibt es auch ganz neuen Nachschub für Freunde des Independent-Gamings. Hier sind einige der bemerkenswertesten Veröffentlichungen der vergangenen Wochen.

foto: fract osc

Fract OSC (Windows, Mac -14,99 Euro)

Im bereits vor Release auf Festivals mit allerlei Vorschusslorbeeren ausgestatteten First-Person-Explorer "Fract OSC" bewegen sich die Spieler in einer riesenhaften, mysteriös-abstrakten Welt, in der sich alles um Sound und Musik dreht. Die Inspiration für den innovativen Titel ist die Welt der Synthesizer, und so ist man als Wanderer inmitten einer zu Beginn stummen Welt damit beschäftigt, durch das Lösen kniffliger Puzzles allerhand geheimnisvolle Maschinen zum Tönen zu bringen. Dass man diese reaktivierten Sound-Erzeuger dann in einer Art Cockpit gar selbst zum Komponieren eigener Techno-Tracks verwenden kann, macht "Fract OSC" zum kreativen Soundspielzeug und explorativen Rätseltrip in einem. Wer in "Proteus" zu wenig Interaktion gefunden hat und in "NaissanceE" an den Sprungpassagen verzweifelte, findet in "Fract OSC" sozusagen einen weiteren Familienangehörigen der Nische zwischen Sound und Spiel - ein Erlebnis für Auge, Hirn und Ohr. Manche der vom Spiel oder gar den Spielern selbst gebauten Tracks wären auch in den Clubs der Hauptstadt nicht fehl am Platz - Kopfhörer sind hier Pflicht.

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foto: broforce

Broforce (Windows, Mac - 13,99 Euro)

Feinde des Pixel-Retro-Styles sollten sich zähneknirschend von ihren Vorurteilen verabschieden und "Broforce" eine Chance geben, denn das Action-Vehikel der südafrikanischen Entwickler Free Lives ist ein grandioser Spaß, der garantiert keine Hochglanzgrafik braucht, um mit seinem hysterischen Charme zu überzeugen. Die Hommage an klassische Side-Scroller der 8-bit-Ära ist das, was "Expendables" als Film sein wollte, nur in gut: eine explosiv krachende Over-the-Top-Satire auf alle B- und C-Movie-Actionhelden der Achtziger- und Neunzigerjahre, in der "Indiana Brones", "Brobocop" und "Bronan the Brobarian" gemeinsam oder gegeneinander antreten dürfen.

Per Zufallsgenerator bekommt man wahlweise solo oder - ein Riesenspaß - mit bis zu vier Spielern einen "Bro" aus der Masse an wiedererkennbaren Action-Karikaturen mit unterschiedlicher Bewaffnung zugeteilt und sprengt sich mit Gusto und dem unvermeidlichen Heavy-Metal-Gitarrenriffs durch die vollständig zerstörbaren Levels. Ein Editor, Coop- sowie Versus-Modi und bereits jetzt, im Early Access, downloadbare, von Usern erstellte Levels sorgen für ein Actionfeuerwerk mit Explosionen am laufenden Band und hohem Klamaukfaktor.

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foto: war of the vikings

War of the Vikings (Windows - 23,99 Euro)

Ebenso brachial, doch mit deutlich weniger Humor gehen sich Multiplayer-Freunde in "War of the Vikings" gegenseitig an die Kehlen. Im Quasi-Nachfolger zum Mittelalter-Metzeln "War of the Roses" stehen sich Wikinger und Sachsen in tödlichen Mehrspieler-Arenen gegenüber. Gelegenheitsspielern wird sich das auf den ersten Blick chaotische Third-Person-Nahkampf-Schlachten wohl eher nicht erschließen, wer jedoch, am besten mit Freunden, etwas Zeit in Skill-System und Taktik investiert, wird durch freischaltbare Fähigkeiten und Personalisierungsoptionen längerfristig motiviert. Schade, dass außer dem - noch dazu besonders mickrigen - Tutorial überhaupt kein Singleplayer-Content vorhanden ist; angesichts der stimmig gestalteten Schauplätze und der unnachahmlichen wikingerischen Zünftigkeit werden bei älteren Spielern Erinnerungen an den Klassiker "Rune" und dessen kultige Multiplayerkomponente wach.

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foto: daylight

Daylight (Windows, PS4 - 13,99 Euro)

Das Rad erfindet der First-Person-Explorer in der neuen Unreal Engine 4 nicht gerade neu, die maximal unoriginellen Horror-Locations - ein verlassenes Irrenhaus und ein nächtlicher Wald - sorgen inzwischen eher für gepflegtes Gähnen und auch das Gameplay kennen (Windows-)Spieler von unzähligen - offen gesagt: auch gruseligeren - Horrorspielen wie "Amnesia: The Dark Descent", "Outlast" (auch PS4) oder "Slender" zur Genüge. Trotzdem ist der schummrig beleuchtete Spaziergang durch die von Geistern und allerhand Übernatürlichem bevölkerten Schreckensorte wegen der prozeduralen Generierung der Location einen Blick wert. Das Live-Casting der eigenen Expedition samt theatralischem Mikro-Gekreische auf Twitch ist praktischerweise gleich ins Spiel mit eingebaut und bietet wenigstens etwas Innovation, denn der Twitch-Livechat der Zuseher beeinflusst sogar das Spielerlebnis. Konsolenbesitzer, die bislang des öfteren neidvoll die PC-Horrortrips nur auf YouTube verfolgen konnten, finden in "Daylight" nun auch mehr Stoff zum Fürchten - Windows-Spieler sind inzwischen wohl etwas zu abgehärtet dafür. Obskurer Geheimtipp stattdessen: "Depths of Fear - Knossos" (Windows - 5,99 Euro).

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foto: monument valley

Monument Valley (iOS, Android in Vorbereitung - 4,99 Euro)

Vom GameStandard schon gewürdigt, darf das wunderschöne "Monument Valley" auch im "Best of" nicht fehlen: In von MC Escher inspirierten unmöglichen Architekturen finden im poetisch-mysteriösen Adventure-Märchen sowohl Spieleprofis als auch sonst gar nicht spielaffine Zeitgenossen ein beeindruckendes interaktives Kunstwerk im Miniaturformat, das beim Autor dieser Zeilen erfolgreich den Mama-Test bestanden hat. Ein mimalistisches Puzzle-Adventure mit einem Maximum an Atmosphäre und cleveren Rätseln in atmeberaubender Optik - so schön kann Mobile-Gaming sein.

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foto: the last federation

Und der Rest

Ein weiteres Mobile-Kleinod wartet mit "Wayward Souls" auf iOS-Spieler (Android und PC sollen folgen): Im putzigen, aber unter der niedlichen 16-bit-Oberfläche hammerharten Roguelike mit Wiederspielgarantie locken Rocketcat Games wieder und wieder in düstere Kellergewölbe. Freunde der besonders abwegigen Klassikerverehrung werden hingegen an "Sanctuary RPG" ihre helle Freude haben: Das textbasierte Adventure-Rollenspiel überwältigt mit Retro-Charme, bietet gewaltige Spieldauer und erstaunliche Spieltiefe und überrascht mit liebevollen Details ohne Ende - wenn, ja wenn der geneigte Spieler sich mit klassischer ASCII-Grafik zufrieden gibt.

In den Weltraum entführt hingegen Arcen Games "The Last Federation" (Windows, Mac, Linux - 19,99 Euro) : Der Macher der trickreichen "AI War"-Strategiespiele verknüpft in seinem unnachahmlichen Stil hier 4X-Strategie im galaktischen Maßstab mit Simultan-Strategie-Dogfights im All - ein Kleinod für fortgeschrittene Indie-Freunde. Für Anfänger bis hin zu Profis: Wie beinahe jeden Monat kommen im Independent-Bereich Spieler aller Art auf ihre Kosten. (Rainer Sigl, derStandard.at, 1.5.2014)

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