Deutscher Austauschschüler in den USA erschossen

29. April 2014, 17:18
292 Postings

Hausbesitzer hielt 17-Jährigen offenbar für Einbrecher

Washington - Als Diren Dede in Missoula eintraf, soll er gleich gefragt haben, wann man sich denn zum Fußballtraining treffe. Ein ausgezeichneter Spieler sei er gewesen, immer mit vollem Einsatz bei der Sache, sagt Hatton Littman, die Sprecherin der Big Sky High School. "Überhaupt, Diren war sehr beliebt. Die Leute hören gar nicht mehr auf, davon zu schwärmen, was für ein toller Schüler er war, was für ein toller Mensch."

Im August kam der 17-Jährige aus Hamburg für ein knappes Jahr in die Siebzigtausend-Einwohner-Stadt in den Bergen Montanas, vier Autostunden vom Nationalpark Yellowstone entfernt. Jay Bostrom, sein Spanischlehrer und Fußballtrainer, spricht von spannenden Diskussionen, die man mit ihm führen konnte, nicht nur über "Soccer", sondern auch über Politik, über Immigranten, über Rassismus. "Diren war einer von denen, die sich für die kleinen Leute interessierten", erzählte Bostrom der Lokalzeitung "The Missoulian".

Randy Smith und Kate Walker, die den Hamburger anfangs nur für ein paar Tage beherbergen sollten, bevor er bei seiner eigentlichen Gastfamilie einziehen würde, baten das Austauschprogramm, ihn die ganze Zeit bei sich behalten zu dürfen. "Wir haben uns auf Anhieb mit ihm verstanden, man kam so leicht mit ihm ins Gespräch", begründet Kate. Angenehm aufgeschlossen sei der Junge gewesen, im Übrigen stolz auf seine türkischen Wurzeln. Er habe ihnen gezeigt, wie man auf türkische Art Kaffee koche, türkisches Essen zubereite. "Eine kulturelle Bereicherung", fasst es Littman, die Schulsprecherin, zusammen.

Ein Köder

Umso schockierender wirken die tödlichen Schüsse auf Diren Dede, selbst in Montana, einem Bundesstaat, in dem fast jeder Privathaushalt mindestens eine Waffe besitzt, so selbstverständlich, dass man nicht wirklich debattiert über Pro und Contra. In Montana gilt die "Castle Doctrine", die Schloss-Doktrin, vergleichbar der Stand-your-ground-Regel, die Florida vor Jahren einführte. Bürger, die sich in ihrer Wohnung oder auf ihrem Grundstück bedroht fühlen, dürfen sich mit Waffengewalt zur Wehr setzen, ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Die Polizei alarmieren, der Konfrontation ausweichen – beides zweitrangig. "Die Weite des Westens ist sicher ein Faktor dabei. Die Erfahrung lehrt eben, dass die Ordnungshüter meist zu spät kommen", erklärt Kathryn Haake, Gerichtsreporterin des "Missoulian", in einem Telefongespräch mit dieser Zeitung. Die vier Patronen, die Markus Kaarma auf Diren Dede abfeuerte, lassen jedoch nach allem, was man bisher weiß, weniger auf Notwehr schließen als vielmehr darauf, dass ein schießwütiger Hausbesitzer geradezu lauerte auf den Moment, in dem er zur Flinte greifen konnte.

Laut Anklageschrift wollten Kaarma und Janelle Pflager, seine Partnerin, potentiellen Dieben eine Falle stellen, nachdem in drei Wochen zweimal eingebrochen worden war in ihrem Anwesen am stillen Deer Canyon Court. Pflager platzierte eine Handtasche in der Garage und notierte auf einer Liste, was sich darin befand. Ein Köder. Der Einbrecher, sagte sie den Ermittlern, sollte nach der Tasche greifen. Draußen installierten die beiden Bewegungsmelder, die Garagentür ließen sie offen. Sonntagnacht gegen halb eins, Kaarma und Pflager saßen im Wohnzimmer vorm Fernseher, schlugen die Sensoren Alarm.

Viermal ins Dunkel geschossen

Kaarma griff sich eine Schrotflinte, ging aus dem Haus und näherte sich der unbeleuchteten Garage. Er habe Geräusche gehört, als ob Metall gegen Metall schlage, steht in den Vernehmungsprotokollen. Der Eindringling, habe er befürchtet, könnte über ihn herfallen. In jedem Fall habe er ihn erwischen wollen, "er erklärte, die Polizei ertappe Diebe ja nie auf frischer Tat". Deshalb habe er viermal ins Dunkel geschossen, "ohne mit Dede zu kommunizieren", wie es in sperriger Behördensprache heißt. Janelle Pflager schildert es in wichtigen Details anders. Sie will gehört haben, wie Dede "Hey" oder "Wait!" rief, bevor kurz hintereinander die ersten Schüsse fielen. Sie habe das Licht in der Garage anschalten wollen, doch ehe sie dazu kam, habe ihr Mann zwei weitere Male abgedrückt. "Es waren Sekundenbruchteile", verteidigt Paul Ryan, Kaarmas Anwalt, seinen Mandanten.

Eine Friseuse, von der sich Kaarma ein paar Tage zuvor die Haare schneiden ließ, schildert wiederum einen Wortwechsel, bei dem ihr Kunde aufs Vulgärste schimpfte, als er von seiner Jagd auf Kriminelle erzählte. Er warte nur darauf, "irgendein verdammtes Kid erschießen zu können". Als sie ihn bat, das Fluchen zu unterlassen, soll er sie wütend abgekanzelt haben: "Ich kann verdammt noch mal sagen, was ich will". (Frank Herrmann aus Washington, derStandard.at, 29.4.2014)

  • Das Klubhaus des Fußballvereins des deutschen Austauschschülers in Hamburg.
    foto: epa/bodo marks

    Das Klubhaus des Fußballvereins des deutschen Austauschschülers in Hamburg.

Share if you care.