Alstom zwischen Cowboys und Teutonen

28. April 2014, 21:26
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Der französische Energie- und Transportkonzern Alstom steht vor dem Abverkauf. Sein Schicksal ist kein Einzelfall

Frankreichs Staatspräsident François Hollande empfing am Montag im Élysée-Palast Jeff Immelt und Joe Kaeser, die Spitzen von General Electric (GE) und Siemens. Der US-Branchenleader und der deutsche Erzrivale wollen beide die Alstom-Energiesparte von Alstom übernehmen. Dieses Kerngeschäft stellt 70 Prozent des Umsatzes von gut 20 Milliarden Euro. GE bietet knapp zehn Milliarden Euro in bar, Siemens würde dazu in das gemeinsame Vehikel seine ICE-Eisenbahntechnologie einbringen, wollte aber erst nach der Visite beim Präsidenten entscheiden, "ob ein Angebot für Alstom abgegeben". An den deutsch-französischen Verhandlungen nahm am Abend neben Kaeser auch Aufsichtsratschef Gerhard Cromme teil. Für heute, Dienstagvormittag, wurde eine außerordentliche Siemens-Aufsichtsratssitzung angesetzt. Danach soll das Angebot präsentiert werden, hieß es am Montagabend.

Bislang hatten die Münchner lediglich in einem Brief an den Alstom-Chef ihre Bereitschaft zu Gesprächen bekundet. Darin wurden die für Siemens relevanten Konzernteile - Kraftwerkssparte, erneuerbare Energien und Energieübertragungstechnik - mit bis zu elf Milliarden Euro taxiert.

Eher entnervt kommentiert Le Monde, Frankreich habe die Wahl zwischen einem "Cowboy" und einem "Teutonen". Der Energie- und Transportkonzern, dessen Vorgänger im Elsass schon 1839 Lokomotiven herstellten, dürfte noch diese Woche in Bestandteile zerlegt verkauft werden.

Zehn Jahre lang hatten Alstom-Chef Patrick Kron und die Staatsführung im Élysée versucht, den privaten Turbinen- und TGV-Hersteller zu retten. Der vormalige Staatschef Nicolas Sarkozy hatte Alstom 2004 gar vorübergehend teilverstaatlicht. Auch jetzt sucht Industrieminister Arnaud Montebourg verzweifelt eine französische Lösung. Doch weder Areva (Atom), Schneider (Elektronik) noch Thales (Rüstung) sind in der Lage oder interessiert. Deshalb dürfte das Flaggschiff der französischen Industrie in fremden Besitz kommen. Hollande und Montebourg können nur noch versuchen, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten. Denn beide Lösungen bieten Gefahren für die 93.000 Alstom-Mitarbeiter: Die GE-Spitze im fernen Connecticut möchte ihren Einsatz natürlich rentabilisieren, und die Lösung mit Siemens weist so viele Doubletten auf, dass zahllose Stellen hinfällig würden.

Der Schock sitzt in Frankreich. Umso tiefer, als Alstom die Talfahrt der Landesindustrie verkörpert. Peugeot-Citroën, ebenfalls mit Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert, musste sich an den chinesischen Autokonzern Dongfeng und den französischen Staat verkaufen. Der 1833 gegründete Betonkonzern Lafarge verlegt den Sitz in die Schweiz, wo er mit Holcim zusammengeht. Der Stahlkonzern Arcelor, aus der alten Bergbauregion Nordfrankreichs hervorgegangen, ist mit dem indischen Rivalen Mittal verschmolzen mit Sitz in Luxemburg. Der Aluminium- und Verpackungskonzern Pechiney ist ebenfalls in Konglomeraten aufgegangen, der Elektroniker Alcatel serbelt trotz Fusion mit der amerikanischen Lucent.

In Zahlen ist der Aderlass ebenso dramatisch. In zwei Jahrzehnten ist der Anteil der Industrie an der französischen Wirtschaftsproduktion von 18,4 auf 11,5 Prozent geschrumpft. Mehr als eine Million Arbeitsplätze verschwanden.

"Made in France" zu teuer

Dabei sind die Probleme weitgehend hausgemacht. Der Werkplatz Frankreich ist nicht wettbewerbsfähig. "Französische Autos werden zwischen deutschen Premiummarken und billigen osteuropäischen Fabriken zerrieben" , meint Autobranchenexperte Bernard Jullien. Die Qualität des "Made in France" konnte mit deutschen Produkten noch nie mithalten; dafür lagen die Löhne vor zehn Jahren tiefer. Heute sind sie gleich hoch wie die in Deutschland. Das und rekordhohe Steuerbelastung der Industrie bewirken, dass französische Unternehmen kaum mehr investieren.

Laut dem Thinktank Concordia hat Frankreich in den letzten Jahren zusammen mit Irland am wenigsten Mittel in seinen Produktionsapparat gesteckt. Der Pariser Verband der mechanischen Industrien (FIM) rechnet vor, dass die Maschinen in französischen Fabriken mit achtzehn Jahren heute doppelt so alt sind wie in deutschen. Gerade Unternehmen wie Alstom überlebten jahrelang im Windschatten des Staates. Er verschaffte ihnen reichhaltige Aufträge, tätigt er doch in Frankreich 56 Prozent aller Wirtschaftsausgaben. Ohne die öffentlichen Bestellungen für Bahnen oder Kraftwerkturbinen wäre Alstom ein bedeutungsloses KMU. Heute hat der französische Staat aber nicht mehr die Mittel, seine Industrie auszuhalten. Und die Konzernchefs bleiben nicht nur wegen ihrer miesen Englischkenntnisse schlecht auf die globalen Märkte vorbereitet. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 29.4.2014)

  • Am Montag war Klinkenputzen im Élysée-Palast angesagt: Nach dem Chef von General Electric, Jeffrey R. Immelt (rechts), bekam Siemens-Chef Joe Kaeser eine Audienz bei François Hollande.
    foto: ap/michel euler

    Am Montag war Klinkenputzen im Élysée-Palast angesagt: Nach dem Chef von General Electric, Jeffrey R. Immelt (rechts), bekam Siemens-Chef Joe Kaeser eine Audienz bei François Hollande.

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