Vom Ankommen und Dableiben

29. April 2014, 05:30
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Die Ausstellung "Das neue Deutschland" zeigt erstmals eine umfassende Auseinandersetzung mit Migration und Diversität in der Einwanderungsgesellschaft

"Das neue Deutschland" heißt die aktuelle Ausstellung des Dresdner Hygiene-Museums, und sie behandelt Themen wie Geschichte der Migration, Deutschland als Einwanderungsland, Hürden und Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft, Leben und Arbeiten, aber auch Rassismus. "Wir wollten keine Gastarbeiter-Ausstellung, wie man sie in vielen Städten kennt, da ist man in der Tonalität schon in etwas drin, wo man schlecht wieder rauskommt", erklärt Christoph Wingender vom Hygiene-Museum. Die Ausstellung soll umfassend sein, zum Denken anregen. Denn: "Fakt ist, wir haben keine homogene deutsche Gesellschaft und haben sie auch nie gehabt."

Dresden als Symbol

Und warum in Dresden? "Es ist eine Ausstellung, die darum weiß, dass sie in einer Region, in einer Stadt stattfindet, in der ein großes Maß an Ausländerfeindlichkeit da ist", betont Wingender. Die Ausstellung soll auch als Symbol nach außen wirken. Und sie hinterlässt eine subtile Botschaft: Deutschland ist ein Einwanderungsland, und das schon seit vielen Jahren, denn jeder fünfte Einwohner hat hier eine Migrationsgeschichte.

Stadt aus Transportkisten

Auf 500 Quadratmetern wird im Dresdner Hygiene-Museum der Weg der Migranten nach Deutschland dargestellt. Infotafeln liefern umfangreiche Informationen, das Berliner "raumlabor" hat die Gestaltung übernommen. Aus Transportkisten wurde in der ersten Szene eine ganze Stadt samt Skyline errichtet, dort stehen aus Verpackungsmaterial gestaltete Wahrzeichen typischer Migrantenstädte: eine aus Marshmallows und Dr.-Pepper-Dosen gefertigte Freiheitsstatue, ein Eiffelturm oder auch die Istanbuler Sultan-Ahmed-Moschee aus Milchkartons und Ayran-Bechern.

Danach folgen visuell aufgearbeitete Zahlen zur Migration. Eine Station weiter sprechen auf einer Videowand Migranten über ihre Wünsche, Träume und Erfahrungen, die Idee stammt vom Berliner Videokünstler Gary Hurst, der die abgefilmten Gesichter in Überlebensgröße zeigt. Die Stimmen kann man im Form eines Ratespiels interaktiv den Gesichtern zuordnen.

Zwischen Ankunft und Abreise

Interessant ist auch die Umsetzung des Themas Ankunft: Aus Sperrholzplatten wurde eine Sicherheitsschleuse wie auf einem Flughafen nachgebaut. Geht man durch die Lichtschranke durch, leuchtet oft grünes Licht, manchmal aber wird es rot, das bedeutet dann: Keine Einreise! Nach der Schleuse hat man - sofern man es erstmal nach Deutschland geschafft hat - mehrere Möglichkeiten: Schafft man den Weg durch den langen bürokratischen Hürdenlauf, dann geht es weiter, schafft man den Sprung nicht, dann endet die Reise in einer Sackgasse. Dort werden zahlreiche Wege angeboten - die wohl erschütterndsten sind der "Tod an der Grenze" und der "Suizid". Berührend sind auch die Exponate aus Lampedusa, die man ebenfalls in der "Sackgasse" findet - nachdenklich stimmt die Figur "Heilige Cäcilia von Lampedusa", die aus Bootsresten gemacht wurde.

Medialisierte Debatten

Die Ausstellung wirft viele Fragen zum Thema Migration auf, illustriert Kritik an gegebenen Umständen, ohne aber zu kommentieren. Das "Archiv der Migration" etwa liefert einen umfassenden Überblick über die Medienberichterstattung. Die Zeitungs- und Magazinausschnitte zu Migration fangen in den 1960er-Jahren an und gehen über zahlreiche Mediendebatten, wie etwa jenen aus den 1990er-Jahren, bis hin zu Deutschland im Jahr 2014. Dabei wurde gekonnt damalige wie auch aktuelle Stimmungs- und Meinungsmache auf Transparenten dargestellt.

Antiquariat Rassismus

Der beeindruckendste Teil der Ausstellung ist das moderne Antiquariat, das sich in Form anschaulicher Beispiele dem (Alltags-)Rassismus widmet. Hier wird Marwa El Sherbini und Jorge Gomondai gedacht, beide Opfer rassistischer Mordanschläge in Dresden. Neben Fotos von Naziaufmärschen und Zitaten aus dem vielzitierten Buch von Thilo Sarrazin findet sich auch ein Hinweis zum Thema Rassismus und Lebensmittel. Aus Österreich wurden zwei Exponate ausgewählt: die "Zigeuner-Räder" der Firma Kelly's GesmbH aus Wien und die Julius-Meinl-Kaffeebehälter.

Als Abschluss der Reise durch die deutsche Migrationsgeschichte erzählen jene, die angekommen und dageblieben sind. Ihren Wünschen und Erfahrungen kann man vor einer Videowand lauschen. (Toumaj Khakpour, 29.4.2014, daStandard.at)

  • Istanbuler Wahrzeichen aus Verpackungsmaterial.
    foto: toumaj khakpour

    Istanbuler Wahrzeichen aus Verpackungsmaterial.

  • Exponate aus Österreich zum Thema "Alltagsrassismus".
    foto: toumaj khakpour

    Exponate aus Österreich zum Thema "Alltagsrassismus".

  • Deutschlands bekanntester Auswanderer kommt in der alten Heimat gut an.
    foto: toumaj khakpour

    Deutschlands bekanntester Auswanderer kommt in der alten Heimat gut an.

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