Schwierige Aufarbeitung des Abu-Ghraib-Skandals

29. April 2014, 05:30
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Auch zehn Jahre nach den Bildern gibt es für Opfer keine Entschädigung

Gefangene, die aus Angst vor aggressiven Hunden buchstäblich erstarrten. Nackte Körper, auf Befehl sadistischer Wärter so übereinandergestapelt, als sollten sie eine menschliche Pyramide formen. Schließlich der Kapuzenmann, Elektrodrähte an den Fingerkuppen, eine Kapuze überm Kopf, mit ausgebreiteten Armen auf einer Kiste. Fiele er herunter, verlöre er die Balance, hätte das einen Elektroschock zur Folge, hatten ihn seine Peiniger gewarnt.

Zehn Jahre ist es her, dass das Fernsehmagazin 60 Minutes die schockierenden Bilder ausstrahlte und aufdeckte, mit welch perverser Freude am Quälen amerikanische Soldaten inhaftierte Iraker in Abu Ghraib ihrer Würde beraubten. Bestraft wurden nur ein paar untere Chargen, allen voran Lynndie England und Charles Graner, die sich grinsend, mit erhobenen Daumen, hinter der Menschenpyramide ablichten ließen.

George W. Bush, der Präsident, in dessen Amtszeit der Skandal fiel, gab später, in seinen Memoiren, Entrüstung zu Protokoll. Wie Blitze aus heiterem Himmel hätten ihn die Aufnahmen getroffen: "Ich hatte keine Ahnung, wie drastisch, wie grotesk diese Fotos sein würden." Sein Nachfolger Barack Obama fand zwar deutliche Worte, indem er von Abgründen sprach, unvereinbar mit Amerikas moralischem Anspruch. Doch politisch hat er das Kapitel abgehakt, mit dem Argument, dass der Blick nach vorn gehen müsse.

Katastrophal versagt

Bleibt die juristische Aufarbeitung, und auch die ist weder unter Bush noch unter Obama wirklich vorangekommen. Die Regierung, zieht die New York Times Bilanz, habe katastrophal versagt, als es darum ging, den Opfern Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen. Ob sich daran etwas ändert, hat demnächst ein Berufungsgericht in Richmond, der Hauptstadt Virginias, zu beurteilen.

Seit fast sechs Jahren bemühen sich vier Abu-Ghraib-Insassen, einen der größten Vertragspartner des US-Militärs zu einem Schuldeingeständnis und Entschädigungszahlungen zu zwingen. Caci, zwölftausend Mitarbeiter, knapp vier Milliarden Dollar Jahresumsatz, zählte zu jenen Berater- und Sicherheitsfirmen, die sich am Krieg im Irak, als das Pentagon Aufträge en gros vergab, eine goldene Nase verdienten.

Auch in Abu Ghraib waren Verhörspezialisten von Caci präsent. Suheil Najim al-Shimari folterten sie mit Stromschlägen, manchmal bekam er kein Essen, Schäferhunde schüchterten ihn ein. Taha Yasin Rashid wurde so brutal geschlagen, dass er Knochenbrüche erlitt und nur noch eingeschränkt sehen kann. Saad Hamza Hantush wurde mal mit heißem, mal mit eisigem Wasser übergossen. Salah Hassan al-Ejaili gehörte zu denen, die sich nackt demütigen lassen mussten. Alle vier wurden letztlich entlassen, ohne dass ihnen etwas zur Last gelegt wurde.

Im Juni 2008, als Al-Shimari und Co Klage gegen Caci einreichten, rechnete kaum jemand damit, dass der Marathon durch die Instanzen noch 2014 andauern würde. Vor neun Monaten schien Caci auf der Siegerstraße, als ein Bundesrichter entschied, die Klage abzuweisen. Die Iraker, so die Begründung, seien nicht auf amerikanischem Boden gefoltert worden, ergo sei dies kein Fall für die amerikanische Justiz. Das Center for Constitutional Rights, eine New Yorker Anwaltsinitiative, legte Berufung ein. Wann das letzte Wort gesprochen wird, ist offen. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 29.4.2014)

  • Schockierende Bilder: Vor zehn Jahren veröffentlichte das US-Fernsehmagazin "60 Minutes" die Skandalfotos aus Abu Ghraib.
    foto: ap photo, file

    Schockierende Bilder: Vor zehn Jahren veröffentlichte das US-Fernsehmagazin "60 Minutes" die Skandalfotos aus Abu Ghraib.

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