Atomstrom ist weltweit auf dem Rückzug

28. April 2014, 17:15
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Der weltweite Anteil von Kernenergie am Strommix geht nicht erst seit dem Reaktorunglück Fukushima zurück

Wien - Vor vier, fünf Jahren sprachen manche Experten noch von einer Renaissance der Atomkraft. Bestärkt durch programmatische Ansagen der Obama-Administration in den USA, von Premier David Cameron in Großbritannien oder schlicht beeindruckt durch Chinas gigantisches Ausbauprogramm sahen nicht wenige für die gar nicht so junge Technologie eine strahlende Zukunft.

Nackte Zahlen, die Mycle Schneider, Träger des Alternativen Nobelpreises (1997), am Montag bei einer Veranstaltung von IG Windkraft und dem Institut für Regional- und Umweltwirtschaft der WU Wien präsentierte, sprechen freilich eine etwas andere Sprache. Demnach befindet sich die Kernenergie nicht erst seit der Katastrophe von Fukushima (März 2011) weltweit auf dem Rückzug, sondern schon seit etwa 25 Jahren.

Historisch gesehen sind die meisten Atomkraftwerke (AKW) Mitte der 1980er-Jahre ans Netz gegangen. Kumuliert gab es 2002 den Höchststand: Weltweit produzierten damals nicht weniger als 444 Reaktoren Strom mittels Kernspaltung. Heute sind es rund 400 Meiler, die am Netz sind. Die Zahl ist deshalb nicht genau anzugeben, weil in Japan nach Fukushima sämtliche AKWs stillgelegt wurden, in mancher Statistik aber noch immer als "in Betrieb befindlich" geführt werden.

Höhepunkt des Atomzeitalters in der EU war 1988. Damals produzierten 177 Reaktoren Strom. Jetzt sind es 131, um 46 weniger als vor 25 Jahren. Nur zwei sind in Bau, Olkiluoto in Finnland und Flamanville in Frankreich. Bei beiden gab es immense Kostenüberschreitungen und Bauverzögerungen. Es seien vor allem immens gestiegene Kosten, die Betreiber von Kernkraftwerken wie beispielsweise EdF in Frankreich immer stärker in Bedrängnis brächten, glaubt Schneider. Selbst in China, wo das weltweit ehrgeizigste AKW-Ausbauprogramm vorangetrieben wird, sei es nach Fukushima zu einem einjährigen Stillstand gekommen.

Der Kernenergieanteil am weltweiten Strommix, der 1993 mit 17 Prozent den Höchststand erreichte, ist kontinuierlich gesunken und liegt nun bei zehn Prozent. "Der Weg weiter nach unten ist vorgezeichnet," sagte Schneider, der neben der Internationalen Atomenergieorganisation auch diverse Nichtregierungsorganisationen berät. (Günther Strobl, DER STANDARD, 29.4.2014)

  • "Keine Renaissance der Kernkraft": Mycle Schneider.
    foto: heinrich-böll-stiftung

    "Keine Renaissance der Kernkraft": Mycle Schneider.

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