Quälgeist der Ritter und Schrecken der Piepmätze

28. April 2014, 17:59
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Jugend spielt: Dorsts "Parzival" im Akademietheater

Wien - Das erste Wort behält der Teufel. Dampf kriecht aus der Unterbühne herauf. An der Feuermauer des Wiener Akademietheaters prangen, zur Milchstraße versuppt, die Sterne. Luzifer ist für Tankred Dorsts Bühnenhelden Parzival der bequeme Gottersatz. Parzival hat noch kaum begonnen, da gibt Regisseur David Bösch bereits eine Verlustanzeige auf.

Beelzebub (Dietmar König) mit den kleidsamen Hörnern hält einen Nachruf auf den "Zwergplaneten" Erde. Schimpf und Schande spuckt er auf die Menschen, "diese Lebensform von niedriger Intelligenz". Man möchte ihm von Herzen zustimmen. Als besonders unleidliches Exemplar der Gattung erweist sich der reine Tor, der durch Mitleid partout nicht wissend werden will.

Dorsts Parzival hängt diverse Handlungsglieder aus der mittelalterlichen Epik ineinander: Chrétien de Troyes, Wolfram von Eschenbach. Daneben hat der Esoterik-Boom der 1980er in dem Szenenwust deutlich seine Duftspur hinterlassen. Man schreibt das Entstehungsjahr 1990. Das Motiv der Gottsuche verbindet sich auf das Dringlichste mit dem Appell, mit unserer lieben Mutter Erde etwas sorgsamer umzugehen.

Dabei ist die Bühne (Ausstattung: Patrick Bannwart) eigentlich eine ökologische Katastrophe. Auf der Oberkante einer Schräge mit stärkerem Gefälle liegen Teile von Ritterrüstungen. Matratzen modern in der Wüstenei. Ein nackter Einsiedler (Oliver Stokowski) wird später ein ganzes Kartonhaus auf dem Rücken spazieren tragen.

Vor allem aber schildert dieser Parzival das Drama des unzureichend erzogenen Kindes. Der Jüngling (Lucas Gregorowicz) mit dem schmutzigen Gesicht dampft vor Unrast. Doch anstatt sich ein Skateboard zu schnappen und auf ihm durch die Halfpipe zu rauschen, schießt er Vögel ab und bricht den Piepmätzen die Flügel. Mutter Herzeloides (Regina Fritsch) Erziehungskonzept ist die reine Katastrophe. Ihr plötzlicher Tod im Wald setzt einen Kindersoldaten in Bewegung.

Leider tritt mit der Erzählung der Exposition das Drama auf der Stelle. Eine Flut von Bildern und Piktogrammen wird vom Beamer an die Wand geschleudert. Parzival möchte nicht nur Ritter werden. Er sucht den leibhaftigen Gott und vergisst auf der Gralsburg, die entscheidende Frage zu stellen.

Schauspieler wie Daniel Jesch als irrsinniger Clown hinterlassen einen famosen Eindruck. Schön auch die Schlussszene: Eine Bahn Ballonseide wird über die Bühne gezogen; Parzival legt sich mit Blanchefleur (Fritsch) im Schnee schlafen. Der freundliche Applaus galt dem Lebenszeichen der Burg. Die Produktion würde dem Theater der Jugend bestimmt zur Ehre gereichen. Empfohlenes Alter: acht plus. Für Erwachsene ist es nicht ganz so spannend. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 29.4.2014)

  • Parzival (Lucas Gregorowicz) übt den aufrechten Gang, hernach den Flug der Fantasie: Quasikindertheater nach Dorst im Akademietheater.
    foto: apa/reinhard werner/burgtheater

    Parzival (Lucas Gregorowicz) übt den aufrechten Gang, hernach den Flug der Fantasie: Quasikindertheater nach Dorst im Akademietheater.

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