Poker um Alstom geht in die nächste Runde

28. April 2014, 16:37
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Wenn zwei sich streiten, entscheidet ein Dritter: Die Konzernchefs von Siemens und General Electric sprechen bei Frankreichs Präsidenten vor

Paris/München/Fairfield - Die Rivalen Siemens und General Electric (GE) buhlen im Poker um die Übernahme großer Teile der französischen Industrie-Ikone Alstom direkt beim Staatspräsidenten. François Hollande empfing Montag früh GE-Chef Jeffrey Immelt in Paris zum Gespräch, am Abend wollte Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser im Elysée-Palast vorstellig werden.

Beide Konzerne interessieren sich für Alstoms Sparte für Energietechnik. Frankreichs Politik, die sich traditionell stark an nationalen Belangen ausrichtet, ließ wissen, dass der Staat jeden Deal verhindern werde, der ihr nicht genehm sei. Die deutsche Regierung befürwortete den Siemens-Vorstoß, will aber nicht aktiv werden.

Milliarden-Offert für Energiesparte

Der US-Mischkonzern GE war vergangene Woche mit einem Milliarden-Offert für Alstoms Energiesparte vorgeprescht, die für drei Viertel des Geschäfts des französischen Technologiekonzerns steht. Die genaue Höhe des Gebots ist nicht bekannt. Paris grätschte den Amerikanern umgehend dazwischen. Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg machte im Namen der Regierung "patriotische Besorgnis" geltend. Frankreich laufe Gefahr, ein wichtiges Entscheidungszentrum zu verlieren. Anteile an Alstom hält der Staat indes nicht.

Vor dem Treffen von GE-Konzernlenker Immelt und Frankreich-Statthalterin Clara Gaymard mit Hollande und Montebourg machte der Wirtschaftsminister deutlich, dass es der Politik um langfristige Interessen, Mitarbeiter und die französische Wirtschaft gehe. "Alstom ist kein Unternehmen in Schwierigkeiten, aber ein Unternehmen, das eine weltweite Strategie entwerfen muss", sagte er RTL Radio. Man arbeite daran, die Offerte zu verbessern. Man sei offen für Allianzen, um sich im globalen Wettbewerb zu behaupten. GE-Chef Immelt teilte nach dem Gespräch mit, der Dialog sei "offen, freundlich und produktiv" gewesen. "Wir verstehen und schätzen Hollandes Sicht." Und man sei gewillt, weiter zusammenzuarbeiten.

Bei Siemens hieß es, der Konzern werde nach dem Treffen mit dem französischen Präsidenten entscheiden, "ob ein Angebot für Alstom abgegeben wird, und welche Inhalte dies gegebenenfalls hätte". Bisher hatten die Münchner lediglich in einem Brief an dem Alstom-Chef ihre Bereitschaft zu Gesprächen über eine künftige Zusammenarbeit bekundet. Darin wurden die für Siemens relevanten Konzernteile - Kraftwerkssparte, erneuerbare Energien und Energieübertragungstechnik - dem "Handelsblatt" zufolge mit bis zu elf Milliarden Euro taxiert.

Industriepolitische Karte

Siemens und Alstom sind Konkurrenten. Die Bayern wollten die Franzosen vor Jahren einmal übernehmen. Siemens-Lenker Kaeser und Aufsichtsratschef Gerhard Cromme dürften bei ihrem Gespräch mit Hollande und Montebourg um 18.00 Uhr in Paris die industriepolitische Karte spielen: Gemeinsam könnten die Konzerne einen europäischen Champion schaffen. Zudem will Kaeser mit einer dreijährigen Jobgarantie für die Alstom-Mitarbeiter punkten. Alstom hat rund 18.000 Mitarbeiter in Frankreich, das entspricht 20 Prozent der Belegschaft. GE beschäftigt dort 10.000 Menschen und Siemens 7.000.

Der Siemens-Aufsichtsrat soll sich am Dienstag in einer außerordentlichen Sitzung mit dem Thema befassen, sagten drei mit der Situation vertraute Personen Reuters. Der Konzern äußerte sich dazu nicht. Die IG Metall zeigte sich überrascht vom Interesse an Alstom und wollte ebenfalls keine Stellungnahme abgeben. Die Gemengelage sei schwierig zu beurteilen, sagte eine Sprecherin. Alstom selbst hat für Mittwoch eine Stellungnahme angekündigt. Der Chef des Großaktionärs Bouygues, Martin Bouygues, ist für Montagabend in den Palast des Staatspräsidenten geladen. (APA/Reuters, 28.4.2014)

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