Wahlwerben mit Wasserhahn und Kühlschrank

28. April 2014, 15:46
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Die Grünen feiern ihren Wahlkampfauftakt: Sie setzen auf Ökothemen und plakative Rhetorik

Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek strahlt, als sie ihren Parteikollegen verkündet: "Sonne und Wind kann auch Putin nicht abschalten!" Das ist auch der einzige Moment, wo der grüne EU-Wahlkampfauftakt nicht ganz so verloren wirkt im Ambiente der Wiener Fotogalerie Westlicht: Hier, umgeben von Weltraum-Fotografien, feiern sie den offiziellen Start ihrer Kampagne zur EU-Parlamentswahl. Mars, Jupiter und Saturn schauen zu,  als Lunacek ruft: "Europa ist nicht irgendwo da draußen, es ist unser Zuhause!" 

"Europapolitik ist wie Innenpolitik"

Weniger Floskeln und mehr Inhalte verspricht hingegen Listenzweiter Michel Reimon. Seit Wochen ist der Burgenländer unterwegs, um über Europapolitik zu sprechen, die laut Reimon "wie Innenpolitik ist": Was in Österreich die Hypokrise, sei auf EU-Ebene die Eurokrise, der grünen Umweltpolitik in Österreich entspreche ihre Opposition gegen die Verwässerung von Ökostandards auf EU-Ebene. Er sei selbst nicht sicher gewesen, ob das EU-Freihandelsabkommen TTIP mit den USA als Wahlkampfthema "nicht zu komplex" sei, gesteht Reimon. "Aber wenn ich vor hundert Leuten rede, haben drei Viertel davon schon gehört und wollen, dass wir da was unternehmen".

In den kommenden Wochen werden nicht nur die grünen Kandidaten und Eva Glawischnig durch die Bundesländer fahren, auch Europasprecher Werner Kogler wurde auf "Hypo-Tour" geschickt, um den Unmut über das Bankendebakel in Wählerstimmen zu verwandeln. Hier wird es vor allem darauf ankommen, die Menschen zu motivieren, überhaupt wählen zu gehen: Zwar gibt es in Österreich vor allem in ländlichen Gebieten viele, die ins Wahllokal gehen, weil es sich so gehört – sie dürften aber eher zu den beiden Großparteien und hier vor allem zur ÖVP tendieren. 

Wasserhahn und Kühlschrank

Das jüngere und grünaffine Publikum will hingegen noch überredet werden, sich an der EU-weiten Wahl zu beteiligen. Dabei dienen vor allem Ökothemen als Lockvogel.  "Wer will, dass aus dem Wasserhahn sauberes Wasser herauskommt, der kann nur die Grünen wählen", sagt Grünen-Chefin Eva Glawischnig, selbiges gelte für "Lebensmittel ohne Hormone und Gentechnik im Kühlschrank". Das sind aus Sicht der grünen Kampagnenmacher die Themen, die die Wähler bewegen. Anders beim Auftakt in der Fotogalerie, zu dem sich außer Grünfunktionären und Medienvertretern kaum Besucher verirrten: Wirklich brausender Applaus kommt während Lunaceks Rede erst auf, als sie über Asylpolitik spricht: Das Mittelmeer sei zum Massengrab geworden, Europa müsse "sich messen lassen an seinem Umgang mit den Schwächsten", also den Flüchtlingen aus Konfliktgebieten.

Immer wieder tauchen die Sozialdemokraten als Negativbeispiel in den Reden der Grün-Politiker auf. Werner Faymann sei ein "Sprechblasenkanzler", meint Lunacek, "beim ersten Windhauch platzt die Sprechblase wie eine Seifenblase". Nicht nur beim aktuellen Thema Bildung sei die SPÖ umgekippt, auch im Europaparlament habe die SPÖ das, was sie nun zu bekämpfen verspricht, zuvor selbst mitbeschlossen – etwa die umstrittenen Sonderklagsrechte beim Freihandelsabkommen.

Spott über ÖVP

Auch der ÖVP werde man "die eigenen Beschlüsse unter die Nase reiben", sagt Reimon: Spitzenkandidat Othmar Karas und seine EVP-Kollegen hätten zuvor einen grünen Antrag abgelehnt, der verlangt, dass etwa die Bereiche Gentechnik und Tierschutz beim Freihandelsabkommen für "nicht verhandelbar" erklärt werden. Dass Karas auf seinen Plakaten ohne ÖVP-Logo auskommt, dafür aber seine Initialen „O.K." angibt, sorgt bei Reimon für Spott. Er erinnert an den wegen Bestechlichkeit verurteilten Ex-ÖVP-Spitzenkandidaten Ernst Strasser – und daran, dass die Abkürzung "OK" in Ermittlerkreisen für "Organisierte Kriminalität" steht.

Während sie kleine Mitbewerber wie "Europa anders" und das BZÖ erst gar nicht erwähnen, widmen die Grünen der blauen und pinken Konkurrenz nur kurze Seitenhiebe: Gegen die Freiheitlichen spreche, dass sie "dieses Europa zerstören wollen", die Neos wiederum seien dem "Lobbying der Finanzmärkte" und einer "neoliberalen Wirtschaftspolitik" verpflichtet und daher unwählbar, sagt Lunacek.

Dass sie ihre Wähler erst von den Vorzügen der europäischen Einigung überzeugen müssten, glaubt Glawischnig nicht: "Die, die heute zwanzig sind, haben nie etwas anderes erlebt, für sie ist es selbstverständlich, dass sie in ein anderes Land arbeiten oder studieren gehen." Dieser jüngeren Zielgruppe versprechen die Grünen, Europa wieder aus den Fängen jener zu befreien, die "sich in den letzten Jahren besser durchsetzen konnten" - also Finanzinvestoren, Banken und der "Gas- und Öllobby". Dafür wolle man "kämpfen und streiten", sagt Glawischnig. Die Munition dafür: plakative Rhetorik. Den Gegnern alternativer Energieproduktion hält Glawischnig einen Vergleich entgegen: Das Fertigen einer großen Windturbine, so die Bundessprecherin, verschlinge "genauso viel Stahl wie 500 Autos". (Maria Sterkl, derStandard.at, 28.4.2014)

  • Eva Glawischnig, umgeben von Weltraum-Fotos, in der Ausstellung "Völlig losgelöst", wo der Auftakt gefeiert wurde.
    foto: standard/cremer

    Eva Glawischnig, umgeben von Weltraum-Fotos, in der Ausstellung "Völlig losgelöst", wo der Auftakt gefeiert wurde.

  • Einklatschen für die Kampagne: Reimon, Listendritte Monika Vana, Glawischnig, Lunacek.
 
    foto: standard/cremer

    Einklatschen für die Kampagne: Reimon, Listendritte Monika Vana, Glawischnig, Lunacek.

     

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