Warum die ÖVP gegen Religionskritik auftritt

Leserkommentar28. April 2014, 13:30
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Religiösität ist in Österreich gewissermaßen immer noch ein Tabuthema, das es nicht zu kritisieren gilt

Kürzlich habe ich auf Twitter von Gernot Blümel, dem Generalsekretär der ÖVP, einen nicht wenig skandalösen Tweet vernommen, welcher an Matthias Strolz (Generalsekretär Neos) und Niko Alm, den wohl berühmtesten Pastafari und Atheismus-Aktivisten Österreichs, gerichtet war: "@NikoAlm @matstrolz Religionen ins lächerliche zu ziehen ist echt letztklassig! Egal ob man selbst gläubig ist oder nicht!"

Nun mag man zu Religionen stehen, wie man will, aber genau darin liegt des Pudels wahrer Kern: Äußerungen wie diese, die einer religiöseren Gesellschaft mehr Rückhalt vermitteln sollen, untergraben eine liberale Sphäre, die in Österreich erst zaghaft gedeiht. Bei aller Kritik an der oftmals neoliberal anmutenden Wirtschaftagenda der Neos: Nein, es ist nicht letztklassig, Religionen ins Lächerliche zu ziehen. Religionen humoristisch zu kritisieren ist mehr als nur demokratisch legitim, die Opfer verschiedenster religiöser Konflikte dieser Welt erzählen darüber Bände.

Atheismus?

Auch ist es ein Affront gegen atheistische und agnostische Gesellschaftsschichten. Österreich ist ein sehr katholisch geprägtes Land. Religion ist allgegenwärtig, Vom Kirchturmläuten bis zur Kirchensteuer und dem Kreuz in der Schulklasse. Dieses Land ist ganz klar religiös. Sich dieser allumfassenden Glaubensgemeinschaft zu entziehen ist nicht leicht, und Niko Alms Aktivismus samt Nudelsieb auf dem Führerscheinfoto als "religiöse Kopfbedeckung"  ist ein kleiner, aber nötiger Wermutstropfen für alle nicht gläubigen Menschen in diesem Land.

Vielleicht sind es Denkschienen wie diese des Herrn Gernot Blümel, die zum großen Erfolg der Neos in Österreich beigetragen haben. Wie progressiv kann eine Partei sein, die nach wie vor ein Porträt von Engelbert Dollfuß in ihren Klubräumlichkeiten hängen hat, deren Generalsekretär es "letztklassig" findet, sich mit Humor und ganz ohne Untergriffe über diverse Religionen lächerlich zu machen?

Paragraf §188, Blasphemie

Martin Balluch, Obman des Vereins gegen Tierfabriken, jener Tierschützergruppierung, die vor nicht allzu langer Zeit sich in einer Justizfarce wegen §278a "Bildung einer Kriminellen Vereinigung" vor Gericht verantworten musste, bloggte jüngst aus gegebenem Anlass über den §188 "Blasphemie". Grund war eine Untersagung einer zwar fragwürdigen, aber wohl kaum blasphemischen Aktion des VGT. Er fragte dort provokant, warum man eigentlich nur Religionen beleidigen könne, nicht aber auch die Wissenschaften, denn das praktizierten die Religionsgemeinschaften tagtäglich, ohne jemals vor ein Gericht gezwungen zu werden. Wo bleibt der Respekt gegenüber denjenigen, die es als eine Entwürdigung des Menschen sehen, sich - überspitzt formuliert - einem imaginären Fabelwesen und dessen Fangemeinde auf der Erden zu unterwerfen?

The Bright Side of Life

Zuletzt sind Gernot Blümels Tweet und die Untersagung der VGT-Aktion nach §188 Symbole dafür, wie schwer es liberal-progressive Schichten in der österreichischen Politlandschaft haben. Wo ein Nudelsieb auf dem Kopf als Angriff verstanden wird, dort ist wohl eher nur resigniert lachen und im Kreis der Freunde in einer weniger gottesfürchtigen Sphäre Monty Pythons "Life of Brian" ansehen angesagt. (Leserkommentar, Jasper Ben Reichardt, derStandard.at, 28.4.2014)

Jasper Ben Reichardt studiert Software-Engineering an der Fachhochschule Vorarlberg. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Philosophie und Gesellschaftskritik und twittert unter dem Pseudonym "Gewure".

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