TV-Nachrichten sollen Spanier zum früheren Schlafengehen bewegen

Blog29. April 2014, 14:16
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Die Gesundheitsministerin will den Tagesablauf der Spanier an den des restlichen Europa angleichen

Eine Reise von Mitteleuropa nach Spanien endet leicht im Jetlag. Denn trotz gleicher Zeitzone laufen die Uhren anders. Frühstück um 8 Uhr mag ja noch angehen, aber dann wird es für den Mitteleuropäer schwierig. Mittagessen gibt es ab 14.30 und Abendessen ab 21 Uhr. Die Mittagspause ist bei den meisten Jobs zwei Stunden lang und Feierabend oft nicht vor 19 oder gar 20 Uhr. Gift für ein geregeltes Familienleben.

Wenn sich jemand für die Mittagszeit verabredet, ist damit nicht 12 Uhr gemeint, sondern eben drei Uhr nachmittags. Und wer verspricht, am frühen Abend zurück zu sein, taucht nicht vor 20 Uhr auf. Damit will die konservative Gesundheitsministerin Ana Mato jetzt Schluss machen. Sie hätte gerne, dass die Spanier, was den Tagesablauf angeht, Europäer werden. Gesünder sei dies und eben auch produktiver. Denn was nutzt es im internationalen Geschäft, wenn die Büros in Spanien bis 19 Uhr besetzt sind, während im restlichen Europa die Läden um 17 Uhr runtergehen.

Umstellung mit Fernsehprogramm

Wie sie das erreichen will, dafür hat Mato einen Plan. Sie fordert die Fernsehsender auf, die Hauptnachrichten von 21 auf 20 Uhr vorzuverlegen. Damit begänne, wie sonst in Europa auch, die Hauptsendezeit zwischen 20 und 21 Uhr. Die wichtigsten Programme, Serien und Talkshows wären spätestens um 23 und nicht wie jetzt um 24 Uhr durch. Die Spanier könnten somit früher schlafen gehen. Denn in kaum einem Land – Nachbar Portugal einmal ausgenommen – gehen die Menschen so spät zu Bett wie in Spanien. 45 Prozent schlafen erst nach Mitternacht und weitere 20 Prozent gar erst nach 1 Uhr in der Früh. Im europäischen Schnitt sind weniger als ein Drittel nach Mitternacht noch wach. Das rächt sich morgens beim Aufstehen. 24 Prozent der Spanier kommen nicht vor 8 Uhr aus den Federn und weitere 13 Prozent erst nach 9 Uhr. Dennoch schlafen nur die wenigsten die empfohlenen acht Stunden.

Franco änderte die Uhren

Zu diesen Alltagsgewohnheiten trägt ein weiteres Phänomen bei. Spanien lebt außerhalb seiner Zeitzone. Obwohl der Nullmeridian – oder Greenwich-Meridian – bei Castellón im Osten durch das Land läuft, hat Spanien – abgesehen von den weit westlich liegenden Kanarischen Inseln – anders als England oder die Nachbarn Portugal und Marokko mitteleuropäische Zeit. Das heißt, die Sonne steht nicht etwa um 12 Uhr am höchsten, sondern irgendwann nach 13 Uhr und mit der Sommerzeit gar noch eine Stunde später. Das und die Hitze im Sommer verschieben das Leben weit in die Abendstunden hinein.

Das war nicht immer so. Bis 1942 hatte Spanien die gleiche Zeit wie Portugal. Das heißt, die Uhren zeigten eine Stunde weniger an und gingen damit synchron mit der Sonne. Diktator General Francisco Franco stellte die Uhren um, damit sie in Madrid im Gleichschritt mit Hitlers Berlin und Mussolinis Rom tickten. Bis heute hat sich niemand getraut, dies rückgängig zu machen. (Reiner Wandler, derStandard.at, 29.4.2014)

  • Siesta vor dem Stierrennen in Pamplona.
    foto: reuters/vera

    Siesta vor dem Stierrennen in Pamplona.

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