Bürgermeister von Charkiw angeschossen

28. April 2014, 18:03
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Anschlag auf den Bürgermeister von Charkiw destabilisiert Lage in der Ukraine weiter

 Eine Prognose wollte Waleri Boiko nicht abgeben: "Das liegt in Gottes Hand", sagte der Leiter der Chirurgie in Charkiw zu den Überlebenschancen des Bürgermeisters Gennadi Kernes. Unbekannte hatten Kernes am Montag angeschossen. Der 55-Jährige wurde im Rücken getroffen und erlitt schwerste innere Verletzungen. Lunge und Leber wurden in Mitleidenschaft gezogen. Der Politiker lag auf der Intensivstation im Koma.

"Sie wollten ihn ins Herz schießen", erklärte Kernes' Vertrauter, Präsidentschaftskandidat Michail Dobkin. Seinen Angaben zufolge wurde Kernes von einem Scharfschützen ins Visier genommen. Damit bekommt der Anschlag eine symbolische Bedeutung.

Scharfschützen sind auch für die Toten auf dem Maidan - Demonstranten wie Polizisten - verantwortlich. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, wer die Verantwortung dafür trägt. Die neue Führung in Kiew nahm zuletzt mehrere Geheimdienstoffiziere fest, die sie der Tat verdächtigt, und beschuldigt wahlweise den geflohenen Präsidenten Wiktor Janukowitsch oder Moskau als Drahtzieher. Dort werden die Vorwürfe spiegelverkehrt an den Absender zurückverwiesen.

Kernes ist kein Sympathisant der neuen ukrainischen Führung. Der Politiker und Geschäftsmann, dem Beziehungen zur Unterwelt nachgesagt werden, gehört der ehemals regierenden Partei der Regionen an und steht insbesondere mit Innenminister Arsen Awakow auf Kriegsfuß, der gegen ihn sogar ein Verfahren wegen angeblicher Freiheitsberaubung und Morddrohungen einleiten ließ.

Zugleich war Kernes aber auch ein konsequenter Gegner der Separatisten, deren Aktionen er mit dem Begriff "Irrenhaus" charakterisierte. "Ich will, dass die Ukraine hört, dass in der Grenzstadt Charkiw die Menschen für eine einige Ukraine und ein Charkiw als deren Bestandteil sind", sagte er.

Im Gegensatz zu Donezk und Lugansk haben die prorussischen Kräfte in Charkiw noch kein Oberwasser bekommen. Wie sich die Lage nach dem Attentat entwickelt, ist völlig unklar. Wie gespannt die Beziehungen zwischen Befürwortern und Gegnern einer Abspaltung sind, zeigten Straßenschlachten zwischen prorussischen Demonstranten und lokalen Fußballfans am Sonntag.

Gefechte gab es derweil erneut um den Flughafen Kramatorsk, über den Kiew Einheiten zur Lokalisierung des Aufstands in Slawjansk einfliegen lässt. Zwei Beamte der Sicherheitsorgane wurden dabei verletzt.

Referendum über Abspaltung

Daneben wurde bekannt, dass in Slawjansk, dem Zentrum des Aufstands gegen Kiew, bis zur nächsten Woche alle Wahlzettel für das geplante Referendum über die Abspaltung gedruckt sein sollen. Am 11. Mai, zwei Wochen vor der geplanten Präsidentenwahl, wollen die prorussischen Aktivisten im Gebiet Donezk den Austritt aus der Ukraine per Abstimmung legalisieren. Im Gegenzug will das Parlament in Kiew heute über ein gesamtukrainisches Referendum entscheiden. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 29.4.2014)

 


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  • Ringt angeblich um sein Leben: Charkiws Bürgermeister Hennadiy Kernes.
    foto: ap photo/sergei chuzavkov

    Ringt angeblich um sein Leben: Charkiws Bürgermeister Hennadiy Kernes.

  • Schauplatz des Attentats.
    foto: apa/epa/kozlov

    Schauplatz des Attentats.

  • Ein prorussischer Separatist vor dem besetzten Polizeipräsidium in Kostjantyniwka.
    foto: reuters/marko djurica

    Ein prorussischer Separatist vor dem besetzten Polizeipräsidium in Kostjantyniwka.

  • Prorussische Separatisten vor dem besetzten Verwaltungsgebäude in Kostjantyniwka.
    foto: reuters/marko djurica

    Prorussische Separatisten vor dem besetzten Verwaltungsgebäude in Kostjantyniwka.

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