Orchestrales Musiktheater

28. April 2014, 06:50
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Die Wiener Philharmoniker und das Concertgebouworchester im Musikverein


Wien - Frühling ist's, der Kuckuck ruft, im Walde und auch im Konzertsaal. In der 1. Symphonie des Naturfans Gustav Mahler hat die Klarinette ab Takt 30 "den Ruf eines Kuckucks nachzuahmen". Ganz zu Beginn erwacht die Natur aber erst einmal aus ihrem Winterschlaf, den sie hier in dreifachem Piano und in ganzen Notenwerten genossen hat.

Der liebenswerte Adam Fischer ist ein lebendiger Mensch, Wachheit liegt im näher als Schlaf. So will sich im achten Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker zu Beginn der Ersten mehr Leisheit als Stimmung einstellen. Wenn später Scherz, Drama und Pracht zu ihren Auftritten im Mahler'schen Musiktheater kommen, ist der routinierte Ungar der richtige Regisseur: Der D-Dur-Durchbruch ergießt sich wie eine gewaltige Sturzflut in den Großen Musikvereinssaal.

Ein Werk aus dem Frühling von Béla Bartóks Schaffen hat zuvor das Programm eröffnet: Zwei Portraits op. 5. Den Kern eines Violinsolos (mit gewinnender Schlichtheit: Albena Danailova) ummantelt Bartók im ersten, elegischeren Teil sukzessive, im zweiten Teil wird's dramatischer. Überraschung: ein Bartók mit sachten Richard-Strauss-Anklängen und Fin-de-Siècle-Stimmungen.

Danach dialogisiert Daniel Ottensamer mit der Kleinen Trommel. Der selbstbewusste Soloklarinettist des Orchesters beeindruckt in Carl Nielens Klarinettenkonzert (1928) mit größter Virtuosität, prägnanter Gestaltung und wundervollem Ton. Krawattenfrei nimmt er den begeisterten Applaus des Publikums entgegen, in dessen hochseriösem Kreise erstmals ein Hipster auszumachen ist. Der Frühling, er ist wirklich nicht mehr aufzuhalten.

Sehnsucht nach Intimem

Ob's überschäumende Frühlingsgefühle waren? - Schwer zu sagen bei Geiger Frank Peter Zimmermann. Im Musikverein traf er auf das Concergebouworchester und erfüllte Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216 mit vitaler Unmittelbarkeit, kecker Leichtfüßigkeit. Spätestens im 2. Satz begann man in dem vibratoseligen, tadellosen Gesang indes einen Hauch des Intimen zu vermissen.

Trotz diskreter orchestraler Assistenz durch den von Mariss Jansons geleiteten Klangkörper wirkte Zimmermanns Spiel etwas aufgeladen und prall. Da musste schon bis zu Bruckners 4. Symphonie ausgeharrt werden, um größere Ausdrucksvielfalt zu erleben. Sie reichte von wohlorganisierter Massigkeit bis zu pittoresken Szenen. Jansons, der mit Saisonende das Orchester verlässt, erzeugte auf Basis dunklen Klanges große Sogwirkung und Hitze. Und bei aller Betonung von Kontrasten herrschten formale Kompaktheit und nie abebbende Innenspannung. (end, tos, DER STANDARD, 28.4.2014)

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