Österreich, allein zu Hause

Blog27. April 2014, 16:36
165 Postings

Einwanderungsstopp im Test: Anlässlich des Gesellschaftsklimatags wurde eine ernüchternde Prognose erstellt, was wäre, wenn sich die FPÖ mit einer ihrer Kernforderungen durchgesetzt hätte

Die Forderung gehört zum politischen Standard-Repertoire von Rechten und Rechtspopulisten, wobei Österreich mit dem FPÖ-Volksbegehren „Österreich zuerst" 1993 diesbezüglich mit zur Avantgarde gehörte. Die Rede ist vom Einwanderungsstopp: Der Vorstellung oder dem Plan, die Immigration soweit zu beschränken, wie es in der heutigen, von Mobilität geprägten Welt überhaupt möglich ist.

In Österreich gehört der Einwanderungsstopp nach wie vor zu den zentralen Forderungen der Freiheitlichen. Doch die „Grenzen zu"-Politik wird derzeit europaweit über die rechten und rechtspopulistischen Kernwählerschichten hinaus befürwortet. Das zeigte sich etwa in der Schweiz, wo das Volksbegehren „Gegen Massenweinwanderung" im heurigen Februar mit 50,34 Prozent der Stimmen die Mehrheit errang.

Hohe Zustimmungsraten

Umfragen wiederum ergeben derzeit in ganz Europa hohe Zustimmung für derlei migrationspolitischen Protektionismus. Etwa in Großbritannien, wo die United Kingdom Independance Part (Ukip) gegen mit Anti-EU-Parolen mobilisiert. Laut einer kürzlich durchgeführten BBC-Umfrage wünschen sich dort 56 Prozent "deutlich weniger" Zuwanderer: Ein Beispiel von vielen, welches zeigt, dass die Vorstellung weit verbreitet ist, der Anteil am Kuchen wäre ohne Einwanderer für jeden größer und die Zustände insgesamt wären besser.

Doch was würde wirklich passieren, würde man die nationalen Grenzen ab sofort dicht machen? Wie würde sich die Gesellschaft in den Jahren und Jahrzehnten danach verändern? Für Österreich hat sich die Medien-Servicestelle Neue Österreicher (MSNÖ), eine von Arbeiterkammer (AK), Industriellenvereinigung (IV) und der PR-Agentur The Skills Group initiierte Service-Einrichtung für Journalisten, dieser Fragen angenommen.

"Daten und Fakten"

Anlässlich des Gesellschaftsklimatags vergangenen Freitag, den 25. April, hat die MSNÖ "Daten und Fakten" über „Österreich ohne Zuwanderung" veröffentlicht. Als Grundlage dienten dabei offizielle Statistiken, Erhebungen und Prognosen. Die Antwort, zusammengefasst: Österreich wäre mit zunehmender Entvölkerung konfrontiert.

Würde heute ein Einwanderungsstopp dekretiert, würde sich die Einwohnerzahl von derzeit rund 8,4 Millionen bis 2060 auf 7,1 Millionen und bis 2075 auf 6,2 Millionen Menschen verringern. Dabei gäbe es immer mehr Alte und immer weniger Junge: 2075 doppelt so viele Über-75-Jahrige als Unter-14-Jährige. In vielen Berufen würde der heute schon beklagte Fachkräftemangel zu einem existenzgefährdenden Problem: nicht zuletzt im Gesundheits- und Pflegebereich, obwohl angesichts einer solchen demographischen Realität der Bedarf dort dann besonders hoch wäre.

Dumme Strategie

Ein Einwanderungsstopp wäre also vor allem eines: dumm, das zeigt sich schon an diesen wenigen Beispielen. Er käme gesellschaftlicher Selbstschädigung gleich, in Österreich ebenso wie in anderen EU-Staaten - so sehr auch das Grenzen-Zumachen in Zeiten von steigender Arbeitslosigkeit und Bankenkrisen im EU-Wahlkampf von rechts und rechtsaußen als gute Idee verkauft wird.

Besonders fasslich wird das am Beispiel des österreichischen Fußballs, der ohne Einwanderer und deren Kinder schon heute äußerst traurig aussähe. Denn hätte sich die FPÖ mit ihrer Einwanderungsstopp-Forderung in den 1990er-Jahren durchgesetzt, es wäre fraglich, ob die im Ausland geborenen Kicker György Garics, Zlatko Junuzovic und Martin Harnik heute Spieler in der Nationalmannschaft wären.

Detto Ramazan Özcan, Veli Kavlak, Aleksandar Dragovic, Marko Arnautovic, Christoph Leitgeb und David Alaba, die allesamt Sprösslinge von Einwanderern sind: Ihre ausländischen Eltern hätten schlicht nicht einreisen dürfen. Zwar hätte sich damit ein Alaba erspart, von einem Ex-FPÖ-EU-Spitzenkandidaten Andreas Mölzer als "N..." verunglimpft zu werden. Doch das wäre dann auch schon der einzige Vorteil. (Irene Brickner, derStandard.at, 27.4.2014)

Share if you care.