Siemens spielt bei Alstom den weißen Ritter

27. April 2014, 15:58
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Amerikaner und Deutsche raufen um den französischen Industriekonzern Alstom: Siemens durchkreuzt die Übernahmepläne von General Electric

Jeff Immelt jettete vergeblich über den Atlantik. Der Vorsteher des amerikanischen Großkonzerns General Electric (GE) traf am Sonntagmorgen in Paris ein, um die Übernahme der Energiesparte von Alstom mit Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg zu besiegeln; danach sollte der Verwaltungsrat grünes Licht für den Verkauf geben, von dem die Transportsparte mit den TGV-Zügen ausgenommen sein sollte.

Doch dann warf Siemens alles über den Haufen. Der deutsche Rivale signalisierte Alstom offiziell "Gesprächsbereitschaft über strategische Fragen zukünftiger Zusammenarbeit". Die Pariser Zeitung Le Figaro enthüllte fast zeitgleich ein Schreiben des Siemens-Vorsitzenden Joe Kaeser an Alstom-Chef Patrick Kron. Der deutsche Konzern, mit 78 Mrd. Euro Umsatz fast viermal größer als Alstom, interessiert sich ebenfalls für die Energiesparte, die 70 Prozent des französischen Traditionsunternehmens ausmacht. GE hat dafür 9,4 Mrd. Euro geboten.

Allerdings wollen die Münchner nur einen Teil in Cash zahlen; dafür würden sie die eigene Transportsparte - ohne U-Bahn-Technik - an Alstom abtreten, wie Le Figaro berichtet. Für Europas Industrie wäre das eine gewaltige Umschichtung: Deutsche würden das Turbinen- und Kraftwerkgeschäft dominieren, Franzosen die Bahntechnologie.

In Paris schlug die Siemens-Meldung wie ein Blitz ein. Montebourg annullierte sein geplantes Treffen mit Immelt kurzerhand. Er zeigte sich "überrascht", dass der US-Branchenleader (106 Mrd. Euro Umsatz) hinter dem Rücken der französischen Regierung agiert habe, um Alstom zu übernehmen. Die plötzliche Entrüstung wirkt etwas aufgesetzt: Montebourg hatte schon am Donnerstag erklärt, er wolle Alternativen zu GE prüfen. Medien zufolge hat er selbst die Fühler nach München ausgestreckt, um ein Gegengebot für Alstom zu erwirken.

Der Wirtschaftsminister plädiert wie Staatspräsident François Hollande für die Bildung eines "Airbus der Energie" aus europäischen Partnern. Mit General Electric würde Alstom hingegen eher eine "Boeing der Energie" zimmern helfen, wie Spötter vergangene Woche in Paris meinten.

Regierung prüft

Montebourg bestätigte am Sonntagnachmittag, dass neben General Electric auch Siemens ein Angebot eingereicht hat. Es bestehe darin, "zwei europäische und weltweite Champions in den Bereichen Energie und Transport zu schaffen - den einen um Siemens, den anderen um Alstom". Aus dem Grund wolle die Regierung beide Angebote im Lichte des "nationalen Interesses" prüfen, und das erfordere eine gewisse Zeit. Ein Hauptaugenmerk liegt laut Montebourg auf der "Unabhängigkeit der französischen Nuklearsparte", für die der Turbinenhersteller Alstom ebenfalls tätig ist.

Der Übernahmekampf um Alstom beginnt damit erst richtig. Und der Ausgang ist offen. GE hat finanziell und unternehmensstrategisch die besseren Karten. Das Offert aus München dürfte bei der französischen Regierung aber gut ankommen, da das Geschäft mit dem TGV - in Paris Teil des Nationalstolzes - in französischer Hand sogar aufgewertet würden. Das liefe den Plänen Krons zuwider, der "nur keine Heirat mit Siemens" will, wie sich ein Pariser Sonntagsblatt ausdrückte. Der von Montebourg ausgebremste Konzernchef scheint aber so stark desavouiert, dass er bald einmal den Hut nehmen könnte. Erste Antworten dürfte Alstoms Jahrespräsentation am 7. Mai erbringen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 28.4.2014)

  • Die deutsche Siemens rittert um TGV-Bauer Alstom.
    foto: reuters/vincent kessler

    Die deutsche Siemens rittert um TGV-Bauer Alstom.

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