Klimawandel: Wir müssen unser Verhalten ändern

Gastkommentar25. April 2014, 21:30
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Innovative Technologien und erneuerbare Energien allein werden den Klimawandel nicht stoppen

Mitte April legte der Weltklimarat IPCC in Berlin den dritten und letzten Teil seines aktuellen Berichts 2014 vor. Seine wichtigste Botschaft lautet, dass der Anstieg der Treibhausgas-Emissionen trotz wachsender Anstrengungen im Klimaschutz zunehmen wird, und zwar durchschnittlich um 2,2 Prozent pro Jahr. Um den Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad zu begrenzen, müssten die weltweiten Emissionen bis zur Mitte unseres Jahrhunderts um bis zu 70 Prozent reduziert werden, bezogen auf das Jahr 2010.

"Zwei-Grad-Ziel" kaum noch zu erreichenBis zur Jahrhundertwende sollte der Treibhausgas-Ausstoß sogar auf null reduziert werden. Auch betonen die Klimawissenschaftler in ihrem 2.000 Seiten umfassenden Bericht: Der Ausstieg sei machbar und finanzierbar. Lege man ein durchschnittliches Wachstum der Weltwirtschaft von jährlich zwei Prozent zugrunde, so werde die Wachstumsrate durch ausreichende Klimaschutzmaßnahmen lediglich um 0,06 auf 1,94 Prozent sinken, erklärte Ottmar Edenhofer, Mitautor des Berichts, auf der Pressekonferenz in Berlin.

Ziel müsse eine "Dekarbonisierung" sein, also eine Abkehr von der fossilen Energieversorgung, verbunden mit technologischen und institutionellen Innovationen. Ändert sich nichts, steuere die Welt auf bis 2100 auf ein Klima zu, das fast fünf Grad wärmer ist als heute – mit entsprechend drastischen und irreparablen Folgen, wie Extremwetter-Phänomenen, Verlust der Biodiversität oder Versauerung der Meere. Soweit die nüchterne Faktenlage des Berichts.

Es muss ein Wandel "von unten" erfolgen

Mit dem "Zwei-Grad-Ziel" soll die globale Erwärmung langfristig auf höchstens zwei Grad Celsius über der globalen Mitteltemperatur vor der Industrialisierung beschränkt werden. Mit Überschreiten dieses Ziels – so die Annahme – werden die vom Klimawandel ausgehenden Folgen zunehmend unkontrollierbar. Aus heutiger Sicht und mit der Erfahrung der zurückliegenden Jahre muss man jedoch davon ausgehen, dass dieses Ziel kaum noch zu erreichen ist. Und das liegt nicht etwa an fehlendem Wissen über den Zusammenhang zwischen Treibhausgasemissionen und Klimawandel.

Ursächlich ist vielmehr ein ausgesprochenes Entscheidungs- und Handlungsdefizit in Politik und Gesellschaft. Dies machte auch der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri, deutlich, als er darauf hinwies, dass die Welt mehr denn je zusammenarbeiten müsse, um die Erwärmung der Atmosphäre in erträglichen Grenzen zu halten.

Doch damit ist es nicht getan. Gescheiterte Klimaverhandlungen, halbherzige Reduktionsziele und dahinter liegende Interessenkonflikte allein erklären die Verfehlung des Zwei-Grad-Ziels nicht. Hinzu kommt eine Tatsache, die häufig übersehen wird: Fortschritte im Klimaschutz können nur erreicht werden, wenn weltweit möglichst viele Menschen weniger CO2-intensiv leben. Technologische Innovationen, Fortschritte in Sachen Energieeffizienz und die Nutzung erneuerbarer Energien allein bringen wenig, wenn sie nicht mit Verhaltens- bzw. Nutzungsänderungen verbunden werden.

So kann beispielsweise ein durchschnittlicher Zweipersonenhaushalt in Deutschland seinen jährlichen Stromverbrauch allein durch die bewusstere Nutzung von elektrischen Geräten um 40 Prozent auf etwa 1.800 kWh senken. Ähnlich große Einsparpotentiale liegen in den Bereichen Ernährung, Mobilität und Heizung. Deutlich wird, dass der Übergang in eine postfossile Gesellschaft ohne weitreichende Veränderungen unseres Handelns und unserer Alltagsroutinen – zuhause, am Arbeitsplatz oder unterwegs – nicht gelingen wird.

Genau hier fehlt bislang aber das nötige Wissen darüber, welche Strukturen den Übergang in postfossile Lebensstile, Produktionsweisen und Formen des Zusammenlebens fördern und welche diesen hemmen. Soviel zeichnet sich ab: Dieser Wandel kann nicht top down von Experten geplant und von Politikern verordnet werden. Er muss vielmehr von unten erfolgen, wenn er erfolgreich sein soll. Wie dies gehen kann, zeigt mittlerweile eine Vielzahl erfolgreicher Klima-Pioniere. Die Aufgabe von Politik ist, solche Strukturen zu unterstützen. Auch hieran fehlt es bislang.

Wissen zum Handeln

Klimaschutz stellt aber auch die Wissenschaft vor neue Herausforderungen, denen sie erst ansatzweise gerecht wird. Mehr denn je ist sie gefordert, nicht nur „sicheres", sondern zugleich auch direkt anwendbares Wissen zu liefern. Dabei erlauben komplexe Probleme wie der Klimawandel keine eindeutigen, eindimensionalen Antworten wie es zum Beispiel technologische Lösungen nahelegen. Wissen kann daher nicht mehr allein im „Labor" erzeugt werden, um es dann 1:1 in der Praxis erfolgreich umzusetzen. Vielmehr müssen Wissenschaft und Gesellschaft an dieser Stelle eng zusammenarbeiten. Wissenschaftler werden dabei mit dem Erfahrungswissen unterschiedlicher Akteursgruppen und ihrer jeweiligen Alltagswelt sowie mit dem Fachwissen von Experten konfrontiert: Konsumentinnen und Manager, Bürgerinitiativen und Landwirtinnen sind betroffen und wollen mitreden, wenn es um ihre Angelegenheiten geht.

Wie diese unterschiedlichen Wissensformen bei der Erarbeitung von – sozial, räumlich und zeitlich angepassten – Lösungen für gesellschaftliche Probleme, die durch die Klimaproblematik verschärft oder ausgelöst werden, aufeinander bezogen werden können, ist jedoch unklar und umstritten. In der Veränderung der Forschungspraxis liegt hier der entscheidende Schlüssel.

Diesen Schlüssel hält die Wissenschaft selbst in Händen. Er öffnet den Weg zu Forschungsprozessen, die über die Wissenschaft im klassischen Sinne hinausreichen. Sie sind nicht nur inter-, sondern auch transdisziplinär und verknüpfen das Wissen und die Werkzeuge der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu neuen Erkenntnissen und Forschungsmethoden und beziehen darüber hinaus von Beginn an Akteure aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft in den Forschungsprozess ein. Ein wichtiges Ziel dieser Forschung ist es, "Wissen zum Handeln" zu erarbeiten für eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft. (Thomas Jahn, derStandard.at und The European, 25.5.2014)

Thomas Jahn ist Sprecher der Institutsleitung des Frankfurter ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung. Im LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum BiK-F ist Thomas Jahn Sprecher des Projektbereichs F „Wissenstransfer und sozial-ökologische Dimensionen". Dieser Text erscheint in Kooperation mit The European.

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