Chaos in Zentralafrika: Ein Loch im Herzen Afrikas

Kommentar der anderen25. April 2014, 18:55
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Die internationale Gemeinschaft muss entschlossen handeln, will sie nicht in 20 Jahren wieder einen Völkermord zu beklagen haben.

Der Sicherheitsrat hat meinen Vorschlag für die Entsendung einer Uno-Friedensmission in die Zentralafrikanische Republik genehmigt. Damit ist der Weg frei für 10.000 Soldaten und fast 2000 Polizisten, die eine gewisse Ordnung in die zugrundegerichtete Nation bringen sollen. Ich komme gerade von einem Besuch in diesem Land zurück, wo ich mir einen Überblick aus erster Hand verschaffte. Verzweiflung ist untertrieben.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes, das so groß wie Texas ist, braucht lebensrettende Hilfe. Jeder vierte Zentralafrikaner ist Opfer von Vertreibungen geworden. In den provisorischen Lagern, die ich am Flughafen außerhalb der Stadt Bangui besuchte, teilen sich 500 Menschen eine Toilette. Mit dem Beginn der Regenzeit werden sich die Bedingungen noch verschärfen. "Wer will hier leben?", schrie mir eine Frau entgegen. "Aber wir riskieren unser Leben, wenn wir an unseren Heimatorten bleiben."

Ethnisch-religiöse "Säuberungen" sind Realität

Die Mehrheit der muslimischen Gemeinde hat das Land verlassen, auf der Flucht vor einer brutalen Welle religiös motivierter Ressentiments, denen Unschuldige auf allen Seiten zum Opfer fielen. Gräueltaten gibt es weiterhin. Die Strafjustiz ist zusammengebrochen. Ethnisch-religiöse "Säuberungen" sind Realität. Ganze Gemeinden wurden demontiert.

Trotz der vielen Verluste fehlt der Zentralafrikanischen Republik am meisten Zeit. Die Friedensmission braucht mindestens sechs Monate, bevor sie richtig läuft. In der Zwischenzeit sind die Menschen im Land in ihrem täglichen Kampf ums Überleben gefangen. Wird die internationale Gemeinschaft jetzt handeln, anstatt sich in 20 Jahren zu entschuldigen für etwas, das nicht getan wurde, als wir die Möglichkeit dazu hatten? Werden die nationalen Regierungschefs die Lehren der Vergangenheit beherzigen und ein zweites Ruanda verhindern?

Im Zentrum, in einem der am meisten betroffenen Stadtteile von Bangui, fuhren wir Block für Block an zerstörten Geschäften und Häusern vorbei. Wir fuhren an einem Meer von Lastwägen vorbei, die mit Töpfen, Pfannen, Wasserkrügen, dem letzten Hab und Gut der flüchtenden Bevölkerung überfüllt waren.

Frauen und Männer erzählten erschütternde Geschichten über sexuelle Gewalt, Entführungen und ständige Lebensbedrohungen. Sie sind virtuelle Gefangene, die verzweifelt zu fliehen versuchen. Sie erzählten mir, dass Schulen, Spitäler und sogar Friedhöfe gesperrt sind. Jemand beklagte, dass man nicht einmal den Toten helfen könne.

Hilfe an drei Fronten

Jetzt ist die Zeit, den Lebenden zu helfen. Das bedeutet schnelle Hilfe an drei Fronten.

Erstens, Sicherheit. Kräfte der Afrikanischen Union gemeinsam mit französischen arbeiten hart an der Wiederherstellung des Friedens und der Sicherheit. Die Kräfte der EU, die diese Woche ankamen, sind eine willkommene Ergänzung. Aber sie müssen gestärkt werden, um die Gewalt einzudämmen und die Zivilisten zu schützen. Ich habe eine sofortige Entsendung von weiteren 3000 Soldaten und Polizisten gefordert, die die Basis für die künftige Uno-Friedensmission schaffen sollen.

Zweitens braucht die Regierung Hilfe für die allernötigsten Grundlagen - einschließlich der Polizisten, Richter und Gefängniswärter, die zurück zu ihren Jobs müssen. Catherine Samba-Panza, die Übergangspräsidentin, hat sich der Wiederherstellung der staatlichen Behörden verpflichtet. Aber ohne Budget sind ihre Möglichkeiten stark eingeschränkt. Mit nur 20 Prozent der erhaltenen Zusagen ist die Finanzierung der humanitären Hilfe auch knapp ausgefallen.

Drittens ist die Schaffung eines umfassenden politischen Prozesses unabdingbar, da die neue Friedensoperation nur ein Teil der Lösung sein kann. Entscheidend für die Förderung von Toleranz, Gewaltfreiheit und Dialog sind die Führer von Religionen und anderen Gemeinschaften. Rechenschaftspflicht für die abscheulichen Verbrechen ist für den Frieden zentral. Die Menschen der Zentralafrikanischen Republik müssen sehen, dass die Rechtsstaatlichkeit wichtig ist, unabhängig davon, wer sie sind oder woran sie glauben - von den Führenden bis hin zu den einzelnen Kämpfern.

De-facto-Teilung Saat für Konflikte

Diese notwendigen Bausteine für den Frieden können gewährleisten, dass die Flüchtlinge nach Hause zurückkehren können. Die Alternative wäre eine De-facto-Teilung, die im fragilen Herzen Afrikas für Jahre, vielleicht auf Generationen hinaus, die Saat für Konflikte und Instabilität legen könnte.

Während meines Besuches sagte die Leiterin einer Frauengruppe: "Unser soziales Gefüge ist zerbrochen. Die Bande unserer Gemeinschaften sind gerissen. Es gibt nichts, was uns verbindet. Aber Sie repräsentieren die Welt und Sie sind hier. Jetzt wissen wir, dass wir ein Teil der Welt sind."

Ich weiß ihr Vertrauen zu schätzen, aber ich weiß auch, dass wir handeln müssen, um es zu verdienen. Die Zentralafrikanische Republik ist mit reichen Ressourcen und fruchtbarem Land gesegnet. Seit Generationen war das Land ein Treffpunkt der Kulturen, wo verschiedene Gemeinschaften friedlich miteinander lebten. Es liegt an der internationalen Gemeinschaft, durch Taten zu bekräftigen, dass die Menschen dort Teil unserer gemeinsamen Menschheit und Zukunft sind. Schon ein wenig Hilfe würde weit reichen. Wir haben eine kollektive Verantwortung, jetzt zu handeln, anstatt 20 Jahre später unser Bedauern auszudrücken. (Ban Ki-moon, DER STANDARD, 26.4.2014)

Ban Ki-moon (69) ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

  • Gewalt und Gräuel: Unicef warnte zuletzt, dass Rebellen massenhaft Kindersoldaten rekrutieren würden.

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