Miniglobalisierung als Exportturbo

26. April 2014, 12:09
115 Postings

Unter dem Strich hat Österreichs Wirtschaft von der Osterweiterung profitiert. Durch den Öffnungsprozess hat aber der Lohndruck zugenommen

Eine Überschwemmung des Landes durch Osteuropäer ist zwar bisher ausgeblieben, der Zuzug seit Öffnung der Grenzen hält aber an. Mit Jahresbeginn wurde der Arbeitsmarkt für Rumänen und Bulgaren geöffnet, seit Mai 2011 gibt es keine Schranken mehr für die osteuropäischen Staaten, die 2004 EU-Mitglieder wurden. Gut 160.000 Personen aus diesen Ländern jobben derzeit in Österreich. Ende 2010 waren es noch 90.000 Personen.

Die Entwicklung hat bisher erwartete und unerwartete Effekte gebracht. "Vor allem die Zuwanderung aus Ungarn wurde unterschätzt", sagt der Chefökonom der Arbeiterkammer, Markus Marterbauer. Allerdings ist der Zuzug von Personen aus den Staaten der 2004-Erweiterung 2013 schon wieder zurückgegangen. Auch Horrorszenarien betreffend jobsuchende Rumänen und Bulgaren haben sich bisher nicht bewahrheitet. 36.000 Personen sind hier tätig, vor der Freigabe des Arbeitsmarktes waren es knapp 29.000.

Marterbauer verweist aber darauf, dass Rumänen und Bulgaren vor allem in Spanien und anderen Südländern arbeiten. Die katastrophale Lage an den dortigen Arbeitsmärkten könnte dazu führen, dass sich Menschen nach Österreich umorientieren. Das würde zu einer Verschärfung der Arbeitslosigkeit hier führen. Der Wirtschaftsforscher Fritz Breuss sorgt sich eher wegen eines möglichen Zustroms als Folge der Krise in der Ukraine.

Lohndruck in Österreich gestiegen

Klar ist für Breuss, dass die Integration Billigkonkurrenz befördert und die Löhne in Österreich gedrückt hat. Allerdings gab es diesen Trend schon lange vor der Erweiterung, er trat schon ab dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 ein. Diesen Prozess bezeichnet der Wirtschaftsforscher als "Miniglobalisierung" aus österreichischer Sicht. Während große Industrienationen wie Deutschland stärker vom Aufstieg von Schwellenländern wie China betroffen sind, hat sich Österreichs Wirtschaft, darunter besonders Banken, eher auf den osteuropäischen Raum verlegt. Marterbauer räumt zudem ein, dass die sinkende Lohnquote - sie schrumpfte von 74 Prozent des Volkseinkommens Mitte der 1990er-Jahre auf zuletzt 66 Prozent - viele Ursachen hat. Auch der Anstieg von Vermögenseinkommen führt dazu, dass die Einnahmen aus unselbstständiger Arbeit anteilsmäßig zurückgehen.

Das Wifo hat erst vor wenigen Wochen errechnet, dass die Netto-Realeinkommen pro Kopf seit 24 Jahren stagnieren - wobei hier auch die steigende Abgabenbelastung eine Rolle spielt. Vor allem Niedrigverdiener mit mäßigen Qualifikationen haben die Konkurrenz der Zuwanderer zu spüren bekommen, sagt der Arbeiterkammer-Ökonom Marterbauer.

Breuss hat berechnet, dass die Osterweiterung unter dem Strich trotz des Lohndrucks positive ökonomische Effekte gebracht hat. Seine Simulation ergibt ein zusätzliches Wachstum seit 2004 von 2,44 Prozentpunkten - dem Exportturbo folgte der Anstieg der Direktinvestitionen.

Den gesamten Integrationsbonus seit 1989 für Österreichs Wirtschaftsleistung beziffert er mit 28,55 Prozentpunkten oder 480.000 Arbeitsplätzen. In diese Schätzung sind die Effekte des EU-Beitritts Österreichs und der Öffnung des heimischen Marktes in Richtung Osten einberechnet. Auch die Konsumenten haben etwas von dem Prozess, läge doch das Preisniveau ohne Öffnung um mehr als vier Prozent höher. (Andreas Schnauder András Szigetvari, DER STANDARD, 26.4.2014)

  • Die Ostöffnung als Balanceakt zwischen Exportwachstum und Lohndruck. Junge Ungarn zieht es verstärkt nach Österreich.
    foto: ap/bela szandelszky

    Die Ostöffnung als Balanceakt zwischen Exportwachstum und Lohndruck. Junge Ungarn zieht es verstärkt nach Österreich.

Share if you care.