Indiens Heilsbringer Narendra Modi schürt Faschismus-Ängste

25. April 2014, 18:02
51 Postings

Zur Wahl-Halbzeit steigen bei Liberalen und Muslimen Sorgen vor einem Sieg der Hindu-Nationalisten

Seit Stunden wählt sich Ehsan Jafri die Finger wund, doch die Polizei wimmelt ihn ab. Vor Jafris Wohnblock haben sich tausende Hindu-Fanatiker zusammengerottet. "Tötet die Muslime", rufen sie. Im Haus der Jafris drängen sich 90 Menschen. Jafri ist bekannt, er saß einst im Parlament. Die Menschen glauben, er könne sie schützen.

Sie irren. Gegen 15.30 Uhr stürmt der Mob das Haus, zerrt den 72-Jährigen auf die Straße, hackt ihm die Gliedmaßen ab und zündet ihn an. 39 Menschen - Frauen, Greise, Kinder - werden verbrannt. Erst danach lassen sich Polizisten blicken. "Was, so viele von euch haben überlebt?" , hätten sie gesagt, erzählen Überlebende.

Jagd auf Muslime

Das war im Frühjahr 2002 im indischen Gujarat. Wochenlang machten Hindu-Radikale Jagd auf Muslime, 1000 bis 3000 Menschen starben. Regierungschef des Bundesstaats war damals wie heute Narendra Modi.

Nun schickt sich eben dieser Modi von der Hindu-Partei BJP an, Premier der zweitgrößten Nation der Welt zu werden. Indiens noch bis 12. Mai laufende Wahlen gehen in die zweite Halbzeit. Alle Umfragen sehen die BJP weit vorn. Eine Modi-Welle rollt durch das Gandhi-Land. Von 300.000 Fans wie ein Feldherr bejubelt, zog der 63-Jährige jüngst im Triumph in Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus, ein.

Selten hat eine Wahl das Land so gespalten. Modi-Gegner sehen Indiens Geist in Gefahr, vergleichen ihn gar mit Hitler. Bei allen Konflikten bietet Indien bisher allen großen Religionen eine Heimat. 177 Millionen der 1,2 Milliarden Inder sind Muslime. Damit besitzt Indien die drittgrößte muslimische Bevölkerung der Welt.

Wirtschaft im Vordergrund

Viele Liberale und Muslime sehen Modis Aufstieg mit Sorge. Hassreden von Modis Gefolgsleuten, die offenbar die Hindu-Klientel mobilisieren sollten, schüren die Ängste. Nach den Wahlen werde man alle Modi-Gegner aus dem Land werfen, drohte der BJP-Chef in Bihar, Giriraj Singh. Der Hindu-Führer Praveen Togadia verlangte, Muslimen den Hauskauf in Hindu-Gebieten zu verbieten.

Modi pfiff die Hetzer zurück: "Es gibt nur eine Religion für eine Regierung: Indien zuerst." Doch Indiens neuer Superstar bleibt undurchsichtig. Bis heute windet er sich, wenn es um die Pogrome von 2002 geht. Die meisten Inder haben andere Sorgen. Die Kongressregierung hat so schlecht regiert, dass die Massen sich nach einem Heilsbringer sehnen. Geschickt inszeniert Modi sich als Gegenbild zur korrupten Elite. Angeblich musste er als Kind als Teejunge arbeiten. Mit 21 Jahren schloss er sich der Hindu-Kampftruppe RSS an, die aus Indien einen Hindu-Staat machen will. Der RSS hat auch seine politische Karriere tatkräftig gefördert.

Viele fürchten, bei Modis Sieg werde der Einfluss der Radikalen gefährlich wachsen. Die Angst vor einem Hindu-Faschismus light geht um. "Wird Indien faschistisch", fragt die Zeitung Mint - und beruhigt: Modi werde von Koalitionspartnern, Parteiführern und Zivilgesellschaft zurechtgerichtet werden.

Der Westen, der Modi lange geächtet hat, richtet sich auf seinen Sieg ein. Schon vor Monaten luden europäische Botschafter ihn zu einem Gespräch. Er habe sich zur Pluralität Indiens bekannt, hieß es. Auch einige Muslime konnte er überzeugen. MJ Akbar, einer der bekanntesten muslimischen Schreiber, der Modi einst mit Hitler verglich, wechselte jüngst zur BJP. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 26.4.2014)

  • Hunderttausende strömen zu Veranstaltungen Modis, Liberale sind dagegen in Sorge.
    foto: ap/solanki

    Hunderttausende strömen zu Veranstaltungen Modis, Liberale sind dagegen in Sorge.

Share if you care.