Watschentanz als Politbarometer

25. April 2014, 17:03
176 Postings

Russland überträgt erstmals seit zehn Jahren einen WM-Kampf Klitschkos nicht

Wenn Wladimir Klitschko am Samstagabend in Oberhausen gegen den Samoa-Australier Alex Leapai (34) antritt, ist es bereits seine 16. Titelverteidigung im Schwergewicht, sein 64. Profikampf insgesamt. Vieles dürfte dem 38-Jährigen bekannt vorkommen. Wie immer ist er größer als sein Gegner, hat die längere Reichweite, wie immer ist er turmhoher Favorit. Selbst die Pöbeleinlage von Ex-Weltmeister Shannon Briggs auf der Pressekonferenz vor dem Kampf rief bei Klitschko nur ein ironisches Lächeln und alte Erinnerungen an einen ähnlichen Vorfall mit David Haye hervor.

Kontinuität herrscht auch in der Ringecke, wo wieder Bruder Witali (42) mitbetreuen wird. Und doch ist dieser Kampf besonders: Erstmals seit dem Beginn der politischen Unruhen in der Ukraine, die in der schärfsten Krise des Landes mündeten, tritt Wladimir wieder an. Unbeteiligt sind die Klitschkos an den Ereignissen wahrlich nicht.

Drehte sich beim Bruderpaar in den 1990er und 2000er Jahren alles nur ums Boxen - zumeist fernab der Heimat - hat Witali sich inzwischen in der Politik ein zweites Standbein aufgebaut. 2012 zog er mit seiner Partei Udar in das ukrainische Parlament ein, während der Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan war er einer der Oppositionsführer. Auch Wladimir wurde mehrfach dort gesehen.

Im politischen Ring

Seine Ambitionen auf das Präsidentenamt hat der ältere Klitschko zugunsten von Petro Poroschenko begraben, doch nun will er Bürgermeister von Kiew werden. Am Freitag gab er die Bewerbungsunterlagen ab. Jeder Kandidat werde einen Entwicklungsplan für Kiew vorlegen, "doch das wichtigste ist ein Team, das Verantwortung in schwerer Zeit übernehmen kann, um die von den Menschen schon lange erwarteten Reformen umzusetzen", sagte er.

"Schwere Zeit" ist fast noch ein Euphemismus für die aktuelle Krise. Das Land ist genauso zerrissen wie die Fangemeinde der Klitschkos. Ist Witali in Kiew noch relativ populär und kann sich im dritten Anlauf auf das Bürgermeisteramt Chancen ausrechnen, so gilt er vielen Ostukrainern inzwischen als Feindbild und wird als "debiler Boxer" verunglimpft, der in der Politik nichts zu suchen habe. In der Millionenstadt Charkiw mussten ihn seine Leibwächter bei einem Auftritt im März vor fliegenden Eiern abschirmen.

Der Hass richtet sich auch gegen Wladimir. "Ich hoffe, Leapai haut ihm das Riechorgan ein - und seinem Bruder auch", kommentiert eine Nutzerin auf einem ostukrainischen Forum das bevorstehende Event. Solche Häme findet sich zuhauf - auch in Russland, wo die Klitschkos früher ebenfalls eine große Fangemeinde hatten.

Nach dem Anschluss er Krim an Russland hatte nämlich Wladimir Klitschko in einer Videobotschaft Namensvetter Wladimir Putin vor der Wiederholung der Fehler der Vergangenheit gewarnt. Auch wenn die Ukraine und Russland Brüder seien, habe Moskau kein Recht, sich einzumischen, sagte er. Witali sei auch sein älterer Bruder. "Aber das heißt nicht, dass ich auf ihn höre, wenn er mir sagt: 'Du musst das tun, was ich für richtig halte'", fügte er hinzu.

Das russische Fernsehen reagierte mit einem Boykott auf Klitschkos Herausforderung an Putin. Der Kampf wird nicht übertragen - das erste Mal seit zehn Jahren. "Was für einen Hintergrund die Entscheidung hat, weiß ich nicht genau. Aber es ist nicht schwierig zu erraten, dass es mit den politischen Ereignissen in der Ukraine zusammenhängt. Ich denke, dass das russische Fernsehen viel verliert. Sie werden nicht sehen, wie ich Leapai schlage", kommentierte Klitschko lapidar. Die Chancen dafür stehen besser als für einen Sieg der Vernunft in der Ukraine. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 26.4.2014)

  • Wladimir Klitschko und Alex Leapai, sein nächstes Opfer. Der 62. Sieg ist fast sicher.
    foto: reuters/fassbender

    Wladimir Klitschko und Alex Leapai, sein nächstes Opfer. Der 62. Sieg ist fast sicher.

  • Aufschauen zum großen Champion.
    foto: epa/bernd thissen

    Aufschauen zum großen Champion.

Share if you care.