"Serena": Gratis Horrortrip kommt die Nerven teuer

27. April 2014, 12:00
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Mit dem kostenlosen Experiment "Serena" machen 40 Adventure-Veteranen ihrer Community ein Geschenk

Es ist ein "Liebesbrief" an das Genre des Point&Click-Adventures: Das kostenlos auf Steam erhältliche Abenteuer "Serena" entstammt einer ganz besonderen Zusammenarbeit - und hat eine recht eigenwillige Entstehungsgeschichte. Der Argentinier Agustin Cordes, bekannt für sein atmosphärisches Horroradventure "Scratches" und gerade an der Arbeit für sein Kickstarter-finanziertes Spiel "Asylum",versammelte wahre Legenden der Adventure-Szene, um mit dem kleinen, aber verstörenden Horror-Adventure "Serena" der Community "etwas Positives zurückzugeben".

Team-Work

In internationaler Zusammenarbeit erschufen Cordes und 40 freiwillige Mitarbeiter aus der Adventure-Community "Serena"- unter den Helfern waren Entwickler des "Leisure Suit Larry"-Remakes, Scott Murphy, Mitschöpfer der legendären "Space Quest"-Reihe, und viele andere Kreative aus der durch Kickstarter neu erwachten Indie-Adventure-Szene. Die Texte des Protagonisten werden von Josh Mandel gesprochen - der wiederum sollte reiferen Adventure-Fans als Stimme von König Graham aus "Kings Quest" bekannt sein.

Der Anlass für diesen Schulterschluss mit kreativem Endergebnis war ein hässlicher Streit zwischen Mitarbeitern des "Leisure Suit Larry"-Remakes gewesen, im Zuge dessen Serena Nelson, eine Initiatorin des Adventure Game Revival Movements von einem Geldgeber im Streit unfreiwillig auf Twitter als transsexuell geoutet worden war. Obwohl das düstere Adventure außer dem Namen inhaltlich nichts mit der Causa zu tun hat, war die Zusammenarbeit und folgende kostenlose Veröffentlichung des kurzen Spiels von Cordes als positiver Gegenpol zur destruktiven Atmosphäre in der Adventure-Community  gedacht gewesen - und als Solidaritätsbekundung für Nelson.

Amnesie in der Waldhütte

Nun haben auch Freunde des klassischen - und auch modernen - Point&Click-Adventures etwas von dieser Geste, denn "Serena" entführt seine Spieler in einer eleganten Kurzgeschichte in ein unheimliches Setting. Wie im Adventure-Klassiker "Myst" bewegen wir uns schrittweise im recht kleinen, aber mit liebevollen Details ausgestatteten Innenraum einer verfallenden Holzhütte mitten im Wald und versuchen uns zu erinnern: Wohin ist unsere verlorenen Liebe, Serena, verschwunden? Warum erinnern wir uns nicht? Können uns die in der Hütte verteilten Gegenstände und Souvenirs Hinweise auf das Geschehene geben?

Obwohl die Hütte nur wenige Schritte groß ist, enthüllt sich dem Spieler durch aufmerksames Suchen nach und nach die ganze Wahrheit, die hier nicht ausgeplaudert werden soll. Durch das professionelle Voice-Acting und die überaus atmosphärische Grafik entfaltet sich die etwa eine knappe Stunde lange Schnitzeljagd auf engstem Raum zur subtil verstörenden Horrorkurzgeschichte. Spielmechanisch herrscht Minimalismus - es gibt, ähnlich wie im umfangreicheren "Gone Home", keine klassischen Rätsel oder spielerischen Herausforderungen -, doch wie sich für den Spieler nach und nach der Schleier der Amnesie hebt und die Wahrheit ans Licht kommt, ist für Freunde des interaktiven Erzählens mit Faible für das Düstere den Abstecher in die Waldhütte auf jeden Fall wert.

Geschenk an die Fans

Es sind gute Zeiten für Adventure-Freunde - als kleiner Teaser für Agustin Cordes' "Asylum" und als sympathisches Geschenk an die Indie-Adventure-Community ist "Serena" ein narratives Experiment, das beweist, dass das Genre quicklebendig ist. Schön für alle, wenn aus Internet-Dramen derart Kreatives entsteht. (Rainer Sigl, derStandard.at, 27.4.2014)

Teaser: Serena

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Serena

  • Warten auf "Serena" ist eine düstere Angelegenheit.
    foto: senscape

    Warten auf "Serena" ist eine düstere Angelegenheit.

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