Literarische Osterweiterungen

27. April 2014, 09:00
3 Postings

Kurz vor den EU-Wahlen beginnen wir in Kooperation mit dem Wieser-Verlag eine Serie über die Literatur in 0steuropa

Das Eintauchen in diese Welt ist wie eine Reise an entlegene Orte, in Zeiten, die unvorstellbar sind. Ihre gewaltige sprachliche Kraft verzaubert, ja verstört uns. Wir kommen durch sie an historische Plätze, die wir vielleicht schon kennen - wie Prag zum Beispiel, und wir folgen von da aus Heilern bis nach Sibirien, mit dem Gedanken an Gulag und Verbannung im Kopf. Bekannte Orte, die doch in der Schilderung neu zu definieren und neu zu finden sind.

Die Rede ist von Literatur. An die 6000 Bücher waren es, aus denen eine internationale Jury seit 2006 ihre Auswahl zu treffen hatte (siehe Infokasten unten). Nun liegen sie in einem Schuber gesammelt vor. Entstanden ist ein literarisches europäisches Karussell. Geschichten und Bilder, die aufwühlen, uns mitziehen, die einen Sog entwickeln. Es sind Zeugnisse einer im dramatischen Wandel befindlichen Welt. Ausgewählt, übersetzt und einem größeren Leserkreis präsentiert.

Wir treffen auf Schreibstile, die wir an diesen Orten nicht zu erwarten wagten. Ob am Rande der slowakischen Karpaten, wo wir poetische Bilder der Einfachheit, oder einen Steinwurf weiter an den Ufern der Donau, in Budapest, wo wir Haikus finden. Wir begegnen Generationskonflikten in Sofia zur Zeit des Realsozialismus und sehen uns mit Fragen der 68er-Generation konfrontiert. Wir kehren ein im tiefsten Balkan, den ein Krieg zerrüttet, ihm aber nicht die Kraft der Sprache geraubt hat, wo wir auf Suchende nach der verlorenen Zeit treffen, die sie durch die Kraft der Literatur wettzumachen hoffen. Wir begeben uns in Archive, die uns in der Ukraine von Vergangenem erzählen und uns doch glauben machen, in den heutigen Tagen des Umbruchs und der verzweifelten Hoffnung angekommen zu sein. Es ist eine an unserem geistigen Auge vorbeiziehende Welt, schillernd in den Farben der Erzählkraft, oft nah am Surrealen.

Wir fragen uns, wie sich das Erlebte in Kunst und Literatur verdichtet, was es uns zu erzählen, und ob es uns zu heilen oder zu retten vermag. Wir machten uns auf den Weg, die Antworten im Karussell des Lebens zu finden, nach ihnen Ausschau zu halten und mit ihnen uns selbst näherzukommen. So treten wir also ein in dieses "europäische Karussell" und lesen die Poesie des Slowaken Rudolf Jurolek als Ruhekissen in unruhigen Zeiten; beim ungarischen Autor Ákos Fodor fragt man sich, wie eine derart leise Muse in turbulenten Zeiten überlebt, und möchte seine Miniaturen einfach per SMS weitersenden; Adisa Basic, Literaturkritikerin aus Bosnien-Herzegowina, gelingt es, die seelische Welt einer von Krieg und Nachkriegszeit geprägten Generation wiederzugeben; Boris Chersonskij schreibt eine lakonische Familienbiografie aus der Ukraine und gleichzeitig eine Parabel über das Leben und gegen das Verschwinden; die Bulgarin Teodora Dimova erzählt uns vom Zerfall der Familie in der Zeit nach der Wende, einfühlsam und mit mitleidloser Härte; und ihr Landsmann, der ehemalige Amateurboxer Palmi Ranchev, führt uns in die skurrile Welt des nachkommunistischen Neureichtums, aber auch in die bittere Armut der Verlierer; in Anna Zonovás tschechischem Roman treffen wir auf Menschen, die zur Zeit des Stalinismus entweder zur Strafe in eine trostlose Gegend verbannt oder als (vermeintliche) Belohnung dort angesiedelt werden; mit der Hauptfigur des tschechischen Schriftstellers Martin Rysavýs, eines früheren Theaterregisseurs, erleben wir auf bizarre, groteske und tragikomische Weise stalinistische Vergangenheit und postkommunistisches Chaos; skurrilen Helden begegnen wir in der apokalyptischen Punkballade des Slowaken Agda Bavi Pains, um letztendlich bei Florin Lazarescu in einem Fresko Rumäniens nach der Wende zu landen.

Bestand doch der Sinn der historischen Veränderungen der späten 80er- und frühen 90er-Jahre darin, die verrosteten Diktaturen in den Ex-Ostblockstaaten durch funktionsfähige demokratische Systeme zu ersetzen. Der Weg zur offenen Gesellschaft setzte eine Öffnung nach außen voraus. Mehrere Ex-Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts, die baltischen Republiken sowie Slowenien und Kroatien schafften anscheinend den Durchbruch durch die Aufnahme in die EU, während zahlreiche andere, meist kleine bis winzige Republiken mit alter europäischer Kulturtradition, nach wie vor auf der Warteliste stehen. Befanden und befinden sich teilweise die ost- und mittel- und mehr noch die südosteuropäischen Regionen politisch, ökonomisch und institutionell in einem chronischen Rückstand gegenüber den entwickelten westlichen Staaten, so lässt sich diese Behauptung auf ihre Kultur und erst recht auf ihre Literatur nicht anwenden. Vielmehr verfügen sie über eine ausgereifte literarische Tradition und eine von der Zensur befreite, pulsierende zeitgenössische Literatur. Einige Leistungen dieser Schreibkunst werden weltweit geschätzt - denken wir etwa an die Nobelpreise für den Ungarn Imre Kertész und die Rumäniendeutsche Herta Müller -, andere wie Peter Nádas, Mircea Cartarescu, Olga Tokarczuk und Juri Andruchowitsch kommen auf die Bestsellerlisten.

Trotzdem blieben Kenntnis und Akzeptanz vor allem der ost- und südosteuropäischen Literatur unterhalb des Möglichen. Die Integration der schreibenden Zunft, eine Art literarische Ost- und Süderweiterung, verlangt auch weiterhin Anstrengungen. "Die Leistung der Übersetzerinnen und Übersetzer kann gar nicht hoch genug bewertet werden, sind sie doch die Verbindungsboote zwischen dem einen und dem anderen Ufer. Sie haben sich als Wortschmuggler und Berater bewährt", sagt Annemarie Türk, die seit Anfang der 1990er-Jahre für KulturKontakt Austria Projekte mit dem Schwerpunkt Osteuropa betreute. Benützen wir das Verb "schmuggeln" für die Vermittlung von literarischen Schätzen, dann müssen wir gleich auf die enormen Schwierigkeiten dieses Vorhabens hinweisen. Schriftstellerische Güter werden heutzutage an keinen Zollgrenzen aufgehalten, sondern durch den kulturellen Paradigmenwechsel, die radikale Veränderung der Lesegewohnheiten und das Vordringen der neuen Medien. Besonders in den Ländern, deren Autorinnen und Autoren das Projekt "Bank Austria Literaris" hauptsächlich im Auge hatte, kommt noch etwas hinzu: die aufgrund sozialer Schwierigkeiten abnehmende Kaufkraft der ansonsten an niveauvoller Literatur interessierten Schichten.

So entstand dauerhaft eine Situation, dass die Bücher zu teuer waren, um sie massenhaft erwerben zu können, und immer noch zu billig blieben, um die Herstellungskosten zu decken. Betrachtet man eine Auflage zwischen drei- und fünftausend Exemplaren als die minimale für die Kostendeckung eines literarisch wertvollen, aber nicht unbedingt erfolgreichen Buches, so ist diese in einem Land wie Polen noch möglich, in Ungarn kaum denkbar und in Kroatien fast ausgeschlossen. Es scheint so, als gäbe es ohne Förderung keine Bücher, keine Literatur, keine Autoren.

Eine Reise in die Zukunft

Trotzdem wird in Ost- und Südosteuropa weiterhin geschrieben, und immer neue Werke entstehen, die neben ihren ästhetischen Qualitäten auch wichtige menschliche Zeugnisse einer im Wandel befindlichen Welt darstellen. Und dennoch werden diese Zeugnisse nur langsam in unser Bewusstsein sickern. Manche kleinere Literaturen aus Ost- und Südosteuropa schaffen nicht einmal den Weg zu den westlichen Leserkreisen, aber auch ursprünglich erfolgreiche "Exporteure" geistiger Schätze haben mit ungewöhnlichen Problemen zu tun. Denkt man über die ausdrückliche Schwächung der Rezeption der ungarischen Neuveröffentlichungen in westlichen Medien nach, dann wird man den Verdacht kaum los, dass hier unter anderem die heftige Politisierung des Landes und auch des Landesimage jenseits der Grenzen mit im Spiel sein könnte. Der Weg zum gemeinsamen größeren Europa ist nicht nur ein politischer und wirtschaftlicher Prozess, er ist vor allem gekennzeichnet durch das Kulturelle. Heute könnte man nach den neuen Entwicklungen im Kaukasus und beim Kräftemessen um die Krim und den Osten der Ukraine meinen, dass die machtpolitischen und militärischen Aspekte wieder einmal die kulturellen zurückdrängen und ihnen die Kraft nehmen werden. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden Hoffnungen geweckt, die Verständigung in Europa beschleunigen zu können. War es nicht immer das Wort - ob 1952 in der DDR, 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei oder zuletzt 1989 im gesamten Osten -, das den Eisernen Vorhang morsch gemacht hat? Wir betreiben eine Spurensuche, die uns die Literaturen angrenzender Sprachen erschließt und vermeintlich Fernes nahebringt. Es sind Streifzüge zu neuen Klängen alter Sprachen, die erstmals durch die Übersetzung ins Deutsche einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern bekannt gemacht werden.

Es ist eine Reise in die Zukunft, ein Hinhorchen, Befragen und Finden von Antworten. Und es erfordert Geduld. "Ich möchte Sie, so gut ich kann, bitten", schreibt Rainer Maria Rilke, "Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Frage selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie es nicht leben können. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein."

Wir leben in einer Zeit, die mehr und mehr Anpassung und Uniformiertheit fordert. Sind das nicht alles Vorläufer zukünftiger gewaltsamer Differenzierungen, Diffamierungen und Sprachverachtungen, wie sie in der Geschichte immer dann auftraten, wenn sich gesellschaftliche Eruption andeutet, sich vorbereitet; und ist es nicht Ausdruck einer verzagten Reibung zwischen Zukunft und Vergangenheit, in der auch Kultur zum Spielball machtorientierter Selbstdarsteller verkommt? Nicht alles, was in diesen Büchern vermittelt wird, bietet ein erfreuliches Bild der osteuropäischen Wirklichkeit, aber wahre Literatur konfrontiert mit der Realität, und jede Heilung beginnt mit einer präzisen Diagnose. "Ich glaube, man sollte nur noch solche Bücher lesen", schreibt Franz Kafka, "die einen beißen und stechen." "Wo Krankheit ist, wächst das Heilende auch." Dieser Satz wird Paracelsus zugeschrieben, und er ist treffend, denn aus den Regionen des europäischen Ostens erkennen wir literarische Formen und Bilder, die Hoffnung aufkeimen lassen und die uns vor Augen führen, dass man Europa Buch um Buch, nicht Krieg um Krieg erlesen und damit zu verstehen und ins Positive zu verändern vermag, auch wenn die heutigen Vorzeichen wieder einmal auf Krieg stehen und das Gegenteil anzuzeigen scheinen. Man muss es tun, man soll es mit der Kultur wagen, und man wird erfahren, dass aus dem Wort, wie es uns die Charta 77 vorgezeigt hat, Veränderungen wachsen, die Europa im Ganzen zu verändern vermögen. Auch diesmal. Es liegt an uns. (György Dalos, Album, DER STANDARD, 26./27.4.2014)

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten  lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, ­Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus­tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben "Writer in Residence"-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der ­Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren pu­bliziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum "Europäischen Karussell" erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versand­kosten, versandkostenfrei für STANDARD-Abonnenten.

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt vom 4. Mai an "Karussell"-Texte in "Ex Libris" (jeweils Sonntag 16 Uhr).

  • "Die Integration der schreibenden Zunft, eine Art literarische Ost- und Süderweiterung, erfordert auch weiterhin Anstrengungen", sagt der ungarische Schriftsteller György Dalos.
    foto: epa/hendriküschmidt

    "Die Integration der schreibenden Zunft, eine Art literarische Ost- und Süderweiterung, erfordert auch weiterhin Anstrengungen", sagt der ungarische Schriftsteller György Dalos.

Share if you care.