Kann kein schlechter Dichter sein

25. April 2014, 17:25
5 Postings

Zu Konrad Prissnitz' Sonett-Band Wellness

Zum einen habe ich seinen Vater sehr geschätzt und schätze ihn und sein Werk bis heute. Zum anderen habe ich, zugegeben, wenig Erfahrung im Umgang mit Künstlerdynastien. Der letzte, einschlägige Fall hierzulande war wohl Johann Strauß Vater und Johann Strauß Sohn.

War Reinhard Priessnitz, der Vater, in seinem Werk auf Erweiterung der poetischen Möglichkeiten aus, auf Erkenntnisgewinn und Eroberung von Wirklichkeit, wie Hermann Broch das formuliert hätte, so sehen wir bei Konrad Prissnitz die Instrumente des Vaters zum Spielzeug befreit oder verkommen, ganz wie man will. Es ist eine große Selbstverständlichkeit um das dichterische Treiben des Konrad Prissnitz.

Hier versteht es einer, oder hat es geradezu darauf angelegt, Schwierigkeiten zu meistern und es dabei so aussehen zu lassen, als wär' s ein Klacks. Sofort fällt die handwerkliche Seite, das Beherrschen des Metiers beim Lesen dieser Gedichte auf. Dass Prissnitz sich aufs Sonett versteift, mag einer Reverenz an den Vater, dem Versuch der Selbstdisziplinierung oder einfach dem Spieltrieb geschuldet sein: Spaß macht das Nachvollziehen seiner Pirouetten und Lazzi allemal.

Von fern tupft mich beim Lesen die schlafwandlerisch sichere Hand eines John Keats an, die phänomenale Zitierkraft eines Hölderlin kommt mir etwa in den Sinn. Freilich ist alles aufs Coole abgetönt und ringelt sich zumeist in wienerischer Larmoyanz. Selbstredend darf da ein Gedicht mit dem Titel geht's scheißn mit der Einladung (an alle) nicht fehlen. Es gehen ja ohnehin alle immer einmal scheißen, wozu also die Aufforderung, und ich frage mich auch, ob dieser Gestus in Hinsicht auf die Gesellschaft, wie sie heute besteht, nicht mehr ist als persönlicher Grant bzw. Fortschreibung einer Statur der Boheme, die im katholischen Nazi-Kleinbürgerösterreich der Nachkriegsjahre wohl angemessen war (Reziprozität), nun aber der Unterfütterung mit kritischer Analyse bedürfte.

Dabei: Scharfsinn und Witz hat Konrad Prissnitz genug. Das blitzt und strahlt gelegentlich nur so, besonders wenn er sich ins Fäustchen lacht, z. B.: "heut schon im öl und morgen als sardine?" Es gibt da ein Gedicht es sterbe der zentralfriedhof, gewidmet einem gewissen Franz. Dieser Franz dürfte, wenn ich nicht irre, Franz West sein, und ihm, dem Franz West, verdanken die Gedichte Prissnitz' viel. In den meisten von ihnen ist die Coolness satt mit leiser Verachtung, mit abschätziger Gestik aufgefettet, ist die Abstrahlung West'scher Objekte mit Worten nachgebaut. Singt da Kurt Cobain mit? Ziel der Abschätzigkeit kann alles und jedes sein, vor allem der Dichter selbst. Da nimmt er sich nicht aus, keinesfalls. Rund um ihn herum liniert sich freilich das Gegassel ums Alt-Wien, ums Engländer. Kommen wir jetzt die Schönlaterngasse herunter, oder gehen wir in Richtung Café Korb? Gern würde ich den Konrad Prissnitz einmal in die Pampa östlich von Kagran oder, meinetwegen auch, auf den Kahlenberg einladen. Er ist ein so wienerischer Dichter (da wird er sich freuen!), ein Dichter der Stadt, ein urbaner Dichter, ein John Ashbery der Innenstadt.

Die mehrteilige Einlage mit Shakespeares 18. Sonett möchte ich extra erwähnen. Wer solch ein Spiel spielt und spielen kann, nun, der kann kein schlechter Dichter sein.

soll ich dich einem sommertag vergleichen?
du bist viel lieblicher, so sanft am mai;
die blüten, rau vom wind gerüttelt, weichen
und sommers pracht ist stets zu früh vorbei.
des himmels auge überhitzt bisweilen
und ebenso wird goldner glanz verstimmt;
und alles schön entschönt dann mal in teilen,
per zufall, oder jahreszeitbestimmt.
doch du, mein sommer, weder wirst verblassen,
noch sei verlorn die schönheit, dir geweiht;
noch prahle todes schatten dich zu fassen,
da du im vers verwächst, in alle zeit:
   so lang der mensch noch atmet, augen sehn,
so lang lebt dies und du wirst mitbestehn.

könnt man dich shakespeares 18tem vergleichen?
nicht ich, nicht ihm, du bist, und mehr. subtiler.
durch melodie pfeift wind des blühens zeichen
und sommers zeit stellt fragen, fragt - fragiler.
gleich hinter sonnenbrillen erste dämpfer;
des schweißes angesicht mimt tropfentränen.
so weint sichs salzig; selbst die hungerkämpfer
verhungern ohne wasser zu erwähnen.
nur dir verhieß der sommer keine träne;
gezeigen zeiten sich dir, dann und wieder;
falls doch, sein sie der tau um seine gene
(bis in die versnacht reichen eure glieder).
   so lange liebende sich vor dir sehn,
alsbald die meere vor dir untergehn.

(Peter Rosei, Album, DER STANDARD, 26./27.4.2014)

Konrad Prissnitz, "wellness. sonette". € 14,- / 80 Seiten. Sonderzahl-Verlag, Wien 2014

  • Ein wienerischer Dichter, ein Dichter der Stadt, ein urbaner Dichter, ein John Ashbery der Innenstadt: Konrad Prissnitz.
    foto: nicholas bettschart

    Ein wienerischer Dichter, ein Dichter der Stadt, ein urbaner Dichter, ein John Ashbery der Innenstadt: Konrad Prissnitz.

Share if you care.