Fürs Aufräumen habe ich echt keinen Kopf mehr

28. April 2014, 05:30
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Anna Nitsch-Fitz leitet das älteste Kino der Welt, die Breitenseer Lichtspiele in Wien. Das Kino ist auch ihr Wohnzimmer, die Wohnung nicht mehr als ein Schlafkammerl

Anna Nitsch-Fitz leitet das älteste Kino der Welt. Das BSL in Wien-Penzing ist ihr Wohnzimmer. Die Wohnung jedoch, in der Wojciech Czaja kaum eine Sitzgelegenheit fand, ist nicht mehr als ein Schlafkammerl.

"Eigentlich wollte ich aufräumen. Aber das ist sich nicht mehr ausgegangen. Und so schaut's jetzt halt aus wie immer. Wenn man garstig ist, könnte man sagen, bei mir schaut's aus wie in einem Lager. Und wenn man noch garstiger ist, dann könnte man behaupten, ich sei ein Messie, was ich wohlgemerkt immer wieder zu hören bekomme. Mag sein. Vielleicht bin ich das ja. Aber ich finde es hier gemütlich.

foto: lisi specht
"Wenn ich Zeit und Geld hätte, würde es hier vielleicht anders aussehen." Anna Nitsch-Fitz, Betreiberin der Breitenseer Lichtspiele, in ihrer Jugendstilvilla.

Wie es so weit kommen konnte? Schwer zu sagen. Erstens schmeiße ich ungern Dinge weg, weil man für das eine oder andere eines Tages unter Umständen noch eine Verwendung findet. Zweitens gibt es Dinge, an denen ich emotional hänge, weil damit schöne Erinnerungen verbunden sind. Und drittens habe ich einfach keine Zeit, meine Dinge zu ordnen, und so landen die ganzen Briefe, Rechnungen und Kataloge früher oder später auf einem der Stapel.

Aber mich stört das nicht, denn die Wohnung ist für mich eh nur zum Schlafengehen und Frühstücken da. Die meiste Zeit des Tages verbringe ich im Kino. Da gibt's allerhand zu tun. Nachdem ich mir kein Personal leisten kann, bin ich Kassierin, Buffetdame, Putzfrau und Geschäftsführerin in einem. Der Einzige, der mir hilft, ist der Vorführer, denn diese Arbeit ist mir mit 76 echt schon zu anstrengend. Trotzdem denke ich nicht ans Aufhören, denn die Breitenseer Lichtspiele sind das älteste bis heute bespielte Kino der Welt. So eine Institution muss gepflegt und gehegt werden.

Ich liebe dieses Kino. Dieses Kino ist mein Wohnzimmer. Dieses Kino ist mein Leben! Dazu muss man wissen, dass ich früher sogar in einem Kino aufgewachsen bin, und zwar in Nussdorf. Meine ganze Kindheit habe ich zwischen Leinwand und Projektor verbracht. In der Kriegszeit, als die Filmvorführer an die Front mussten, durfte ich als kleines Mädchen sogar Karten abreißen. Das prägt einen natürlich. Daher habe ich 1969 beschlossen, mein eigenes Kino zu machen. Seit 45 Jahren leite ich nun das BSL. Es ist eine ziemlich kostspielige Leidenschaft, denn mit den 10.000 Euro Subvention, die ich jedes Jahr kriege, komme ich nicht weit. Und so gebe ich den Großteil meiner Pension fürs Kino aus.

Abends, wenn ich nach einem langen Tag endlich heimkomme, falle ich müde ins Bett und habe echt keinen Kopf mehr fürs Aufräumen. Außerdem ist's stockfinster, und von dem ganzen Kramuri kriegt man dann sowieso nichts mehr mit. Na ja, wenn ich Zeit und Geld hätte, würde es hier womöglich anders aussehen. Dann würden vielleicht auch die Möbel besser zur Geltung kommen, so wie zum Beispiel der alte Schreibtisch oder das Klavier, das von meinem Großvater stammt.

Das Haus selbst wurde 1913 errichtet und steht unter Denkmalschutz. Das ist eine Jugendstilvilla, die mein Großvater Richard Wustl, ein Schraubenfabrikant, damals von Architekt Robert Oerley für sich und seine Familie bauen ließ. Sie hat drei Stockwerke mit Dachkammerln für ein Dutzend Bedienstete. Direkt daneben wurde ein etwas einfacheres Haus mit einer Garage für drei Autos sowie zwei darüber liegenden Wohnungen errichtet – eine für den Chauffeur und eine für den Gärtner. Eine der beiden Wohnungen nutze ich nun für mich.

Ich habe hier an die 120 Quadratmeter. Eigentlich recht großzügig. Aber wie man unschwer sieht, bleibt von den 120 Quadratmetern nicht allzu viel zum Wohnen übrig. Und daher habe ich noch eine zweite Wohnung am Währinger Gürtel, in der es nicht ganz so wild zugeht wie hier, aber schon auch. Und selbst wenn ich noch ein Dutzend anderer Wohnungen hätte, die ich vollräumen und verkommen lassen würde: Mein eigentlicher Hauptwohnsitz ist und bleibt das Kino." (DER STANDARD, 26.4.2014)

Anna Nitsch-Fitz, geb. 1938 in Wien, studierte Mathematik und Physik und arbeitete zehn Jahre lang als AHS-Lehrerin. 1969 übernahm sie das Kino Breitenseer Lichtspiele in der Breitenseer Straße in Wien-Penzing. Das BSL, das sie bis zum heutigen Tage leitet, ist das älteste ununterbrochen bespielte Kino der Welt. Es wurde 1905 gegründet und fasst 168 Sitzplätze. Angeboten werden u. a. Arthouse-Filme, Stummfilme mit Klavierbegleitung sowie Sondervorführungen wie Familientag oder Strick-Kino. Im Durchschnitt gibt es fünf Besucher pro Vorführung. Spenden werden gerne angenommen.

Link

bsl-wien.at

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