Amazon will seine Waren bald selbst ausliefern

25. April 2014, 12:09
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Still und heimlich baut der Onlineversand-Händler seinen eigenen Lieferservice auf

Die Zukunft von Amazon ist auf einem Parkplatz in San Francisco eigentlich schon klar zu sehen, aber sie versteckt sich noch. Nahe des kürzlich geschlossenen Candlestick Park testet Amazon sein eigenes Lieferantennetz für die "letzte Meile", also den letzten Abschnitt der Reise eines Pakets zur Türschwelle der Kunden. Lkw mit Amazon-Paketen, die von Amazon-beaufsichtigten Auftragnehmern gesteuert werden, fahren zu Adressen rund um San Francisco. Ähnliches findet in Los Angeles und New York statt.

Mehr Kontrolle

Die eigenen Pakete selbst auszutragen würde Amazon mehr Kontrolle über die Auslieferungen geben, die zuletzt wegen Verspätungen im Weihnachtsgeschäft in der Kritik standen. Zudem könnte der Versandriese damit die Lieferkosten besser im Griff behalten, die laut offiziellen Dokumenten gemessen am Umsatz seit 2009 jedes Jahr gestiegen sind.

Umsatzsteigerung

Am Donnerstag berichtete Amazon erneut über ein Quartal mit kleinen Gewinnen, obwohl der Umsatz um 23 Prozent auf knapp 20 Milliarden Dollar zugelegt hatte. Die Lieferkosten waren um 31 Prozent gestiegen, und auch in das Zukunftsgeschäft Cloud Computing und in andere neue Initiativen wurde viel investiert. Der Gewinn lag im ersten Quartal bei schmalen 108 Millionen Dollar, nach 82 Millionen im Vorjahreszeitraum.

Lieferung zu Sonderzeiten

Die neuen Anstrengungen im Lieferbereich dürften Amazon aber näher an den Heiligen Gral des Internethandels bringen: Waren noch am Tag der Bestellung auszuliefern, damit die Kunden noch einen Grund weniger haben, in echte Geschäfts zu gehen. Mit eigenen Lastern könnte Amazon auch noch Lieferungen spät in der Nacht oder auch zu bestimmten Zeiten anbieten.

Angriff auf Post

Der Schritt ist ein Schuss vor den Bug von Paketdiensten wie und der US-Post, die derzeit den größten Teil der Amazon-Pakete ausliefern. Aber auch Wal-Mart Stores, Ebay und Google dürften sich bedroht fühlen, da sie selbst mit Lieferdiensten experimentieren.

Letztlich könnte sich Amazon mit einem eigenen Liefernetz von einem Online-Einzelhändler zu einem vollen Logistikdienstleister wandeln, der auch für andere Pakete ausliefert, sagen frühere Amazon-Manager. Sie schränken aber ein, dass es noch Jahre dauern dürfte, bis dieses Bild Wirklichkeit werde.

Großer Schritt für Amazon

Ein Lieferdienst ist ein großer Schritt für die Ambitionen von Amazon. Der größte Internethändler greift bereits jetzt in andere Bereiche über, etwa die Ausstrahlung von selbstproduzierten Filmen und Serien, Settop Boxen für Videostreaming, und bald auch Smartphones.

Noch ist unklar, ob Amazon seine Ziele erreichen wird. UPS, 1907 gegründet, hat einen Vorsprung von mehr als einem Jahrhundert. Industrieexperten sagen, dass es Amazon schwerfallen werden, die Effizienz von UPS oder Fedex in mehr als ein paar wenigen Regionen zu erreichen, einfach weil es weniger Pakete über ein großes Gebiet austrägt.

Bereits seit Ende 2013

Amazon startete das eigene Liefernetz in den USA bereits Ende vergangenen Jahres ohne großes Brimborium mit Paketen, die mit „AMZL" und „AMZN_US" gekennzeichnet waren. Kundendienstmitarbeiter und frühere Mitarbeiter sagen, diese Codes stünden für das Inhouse-Liefernetz von Amazon. Kunden, die solche Pakete erhalten haben, sagen, dass diese offenbar einem anderen Nachverfolgungsprozess unterlägen, ohne Verbindungen zu einem externen Dienstleister.

Der nächste Schritt für Amazon ist Treasure Island, ein künstliches Stück Land in der San Francisco Bay. Amazon prüft ein Grundstück auf der Insel, um dort Anhänger und Lieferwagen unterzubringen, sagt ein Insider. Von dort aus will Amazon die Wagen nach San Francisco fahren lassen, wahrscheinlich spät in der Nacht und am frühen Morgen, wenn der Verkehr geringer ist und weniger Inselbewohner gestört würden, sagt er weiter.

Stellenanzeige auf der eigenen Internetseite

Einen kleinen Blick auf das eigene Liefernetz gewährte Amazon jüngst in einer Stellenanzeige auf der eigenen Internetseite. „Amazon wächst schneller als UPS und Fedex, die die meisten unserer Pakete ausliefern", heißt es dort. „Bei dieser Geschwindigkeit kann sich Amazon nicht mehr nur auf die Lösungen verlassen, die von traditionellen Logistikdiensten angeboten werden. Das würde unser Wachstum begrenzen, die Kosten erhöhen und Innovationen bei den Lieferkapazitäten behindern. "Die letzte Meile ist die Lösung dafür. Es ist ein Programm, dass die Lieferungen zu Millionen von Kunden revolutionieren wird."

Auch in Großbritannien getestet

Als Vorspiel zu den Entwicklungen in den USA hat Amazon ein Liefernetz bereits in Großbritannien getestet. "Wir haben unser eigenes schnelles Lieferantennetz in Großbritannien aufgebaut, wo Logistiker unsere Spitzenabsätze nicht mehr abdecken konnten", sagt Amazon-Chef Jeff Bezos Anfang April in seinem Brief an die Aktionäre. "Es wird weitere Erfindungen geben."

Im Candlestick Park von San Francisco war einst die Football-Mannschaft der 49ers beheimatet. Heute stehen dort zahlreiche Ryder-Trucks auf dem Parkplatz zwischen Reihen von hellgrünen Amazon-Fresh-Lieferwagen für Amazons Lebensmittellieferdienst. Jeden Morgen kommen Lastwagen mit Anhängern an, deren Inhalte auf die kleineren Transporter verteilt und anschließend in und um San Francisco zugestellt werden. Das berichtet eine Person, die mit dem Vorgängen vor Ort vertraut ist.

Große Firmen werden auch weiterhin ausliefern

Die Logistik von Amazons "letzte Meile"-Hubs konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Aber selbst wenn das Unternehmen ins Zustellergeschäft einsteigt, so wird es doch schwierig sein, die großen Lieferfirmen komplett aus dem Prozess zu streichen. Denn Amazon ist noch immer auf sie angewiesen, um Waren an anderer Stelle innerhalb seiner Lieferkette zu transportieren.

Pläne schon alt

Die Pläne für ein eigenes Lieferantennetz sind bereits ein paar Jahre alt. Doch erst im vergangenen Winter bekam das Projekt eine höhere Priorität, als UPS und Fedex nicht in der Lage waren, Pakete rechtzeitig zu Weihnachten zuzustellen. Das berichten zwei Personen, die mit den Vorgängen vertraut sind. Amazon beschuldigte damals die Lieferfirmen und bot den betroffenen Kunden 20 Dollar als Entschädigung an.

608 Millionen Pakete

"Was während der Weihnachtszeit passiert ist, hat [Amazon, UPS und Fedex] viel Geld gekostet", sagt Marc Wulfraat. Er arbeitet für die Beraterfirma MWPVL International, die Amazon genau beobachtet, aber nicht mit dem Versandhaus zusammenarbeitet.

Analysten von Sanford C. Bernstein & Co schätzen, dass Amazon im vergangenen Jahr etwa 608 Millionen Pakete innerhalb der USA verschickt hat. Die US-Post kümmerte sich um 35 Prozent davon, UPS übernahm 30 Prozent, lokale Versender 18 Prozent und Fedex etwa 17 Prozent. Diese Aufteilung hat sich in den vergangenen Jahren kaum geändert.

Versandkosten jährlich gestiegen

Die Kosten für den Versand über UPS und Fedex sind in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt jeweils um 3 bis 5 Prozent gestiegen. Auch das war ein Anlass für Amazon, ein eigenes Netzwerk zu bauen, berichten Branchenbeobachter. Als das Unternehmen vor ein paar Wochen eine Preiserhöhung bei seinem Prämiumzustellungsservice Prime von 25 Prozent in den USA ankündigte, nannte man als Ursache dafür gestiegene Versandkosten.

Paketdienste für Amazon teuer

Laut Versandanalysten zahlt Amazon normalerweise zwischen 2 und 8 Dollar für jedes versendete Paket. Am günstigsten kommt man dabei bei der Post weg, am meisten wird bei UPS und FedEx gezahlt.

Der Versand von Amazon-Waren dürfte weniger als ein Prozent der Umsätze von Fedex und UPS ausmachen, sagt Logistikanalyst Jack Atkins. Das würde bedeuten, dass ein eigenes Versandnetzwerk von Amazon nur wenig Einfluss auf deren Gewinne haben dürfte. Zumindest am Anfang.

Fedex-Chef Fred Smith sagte im Dezember, dass Amazon "ohne Frage Zustellungen übernehmen könnte, wenn sie sich dafür entscheiden". Er fügte jedoch hinzu, dass der Großteil auch weiterhin über Fedex, UPS und die Post versendet würde. Ein Sprecher von Fedex wollte sich nicht weiter dazu äußern. Auch ein Sprecher von UPS wollte keinen Kommentar abgeben. (WSJ.de, derStandard.at, 25.4.2014)

  • 608 Millionen Pakete wurden letztes Jahr in den USA versandt
    foto: apa/epa/mehlis

    608 Millionen Pakete wurden letztes Jahr in den USA versandt

  • Eine Amazon-Lagerhalle in den USA
    foto: reuters/noble

    Eine Amazon-Lagerhalle in den USA

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    foto: reuters/noble
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