Prozess in Wien: Der Räuber mit den prägnanten Augen

25. April 2014, 14:18
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Ein 35-Jähriger soll eine junge Frau attackiert und ihr die Handtasche geraubt haben. Sein Vorleben macht ihn zum fast perfekten Verdächtigen

Wien - Die Anklage liest sich wie die Bestätigung sämtlicher Vorstellungen des rechten Randes über kriminelle Fremde. Ishfay R. ist Asylwerber aus Pakistan, hat vier Vorstrafen und soll in der Nacht des 10. Oktober eine junge Frau in Wien-Josefstadt überfallen, ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen und dann die Handtasche gestohlen haben. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Nicole Baczak muss nun entscheiden, ob das so war.

Schon bei der Überprüfung der Personalien zeigt sich allerdings, dass sich Vorstellungen nicht immer mit der Realität decken. Der 35-Jährige ist bereits seit 16 Jahren in Österreich, arbeiten darf er offiziell noch immer nicht, von der Caritas bekommt er 180 Euro Taschengeld im Monat.

Zehn Monate für Zeitungsdiebstahl

Auch die Sache mit den Vorstrafen stellt sich bei näherer Betrachtung nicht ganz so dar, wie es klingt. Die erste stammt aus dem Jahr 2002. Das Landesgericht Korneuburg verurteilte ihn zu fast unglaublichen zehn Monaten, davon vier unbedingt, wegen Diebstahls. Der Grund: "Ich habe eine Zeitungsbox aufgebrochen und die Zeitungen genommen, damit ich sie verkaufen kann", antwortet er in einwandfreiem Deutsch.

Im Jahr 2005 kommt die nächste - er fand eine Kreditkarte auf der Straße, gab sie nicht ab, benutzte sie aber auch nie, bis die Karte bei einer Kontrolle bei ihm gefunden wurde. Das Delikt nennt sich Unterdrückung. Ein Jahr später verurteilte ihn ein Bezirksgericht, da im Handschuhfach seines Wagens Diebsgut gefunden wurde, das der Beifahrer dort verstaut hatte. Und schließlich wurde er 2008 verurteilt, da er 2,3 Gramm Cannabis bei sich hatte.

Zum Tatzeitpunkt krank

Im aktuellen Fall bekennt er sich allerdings nicht schuldig. "Ich war damals daheim. Das weiß ich noch so genau, da ich ständig erbrochen habe und zwei Tage später deshalb im Krankenhaus war", erklärt er dem Senat. Bei Bedarf könne er auch seine vier Mitbewohner als Zeugen aufbieten, sagt er.

"Kennen Sie Neulengbach?", fragt Baczak unvermittelt. "Ja, ich habe dort vor zwei Jahren einmal Zeitungen ausgetragen", hört sie als Antwort. "Der Hintergrund ist, dass das gestohlene Handy des Opfers dort zum letzten Mal eingeloggt war", erklärt die Vorsitzende ihre Frage.

Aussage des Opfers entscheidet

Entscheidend ist also die Aussage des Opfers. Die 30-Jährige schildert eindringlich, welches Trauma man als Opfer eines Gewaltverbrechens erleiden kann. Gegen 21 Uhr ist sie am Tatabend durch die Blindengasse gegangen. Es war dunkel und regnete in Strömen.

"Ich habe gesehen, dass ein Mann mit Kapuzensweater auf dem Gehsteig eine Frau geschubst hat. Aber mein Freund hat mir immer erklärt, man soll sich in Wien nicht einmischen, da das gefährlich werden könnte", sagt die Oberösterreicherin.

Sie ging also weiter, "plötzlich habe ich gespürt, ich bin nicht mehr alleine, es ist jemand hinter mir". Sie sah sich um, dort stand der Mann mit einem Zettel in der Hand und sagte etwas in einer für sie unverständlichen Sprache. "Ich habe ganz laut 'Nein' gesagt", schildert das Opfer weiter.

Faustschlag ins Gesicht

Plötzlich sei sie von hinten geschubst, an der Schulter gepackt und umgedreht worden. "Er hat mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen, ich bin gegen ein Auto geflogen. Dann hat er meine Handtasche genommen und ist weggerannt." Die Zeugin ist sich aber sicher, den Täter erkannt zu haben: "In dem Moment habe ich sein Gesicht ganz genau gesehen. Es war unter einer Straßenlampe, seine Augen waren so aggressiv. In den nächsten drei Tagen habe ich mir das Gesicht ständig vorgestellt."

Die 30-Jährige ging sofort zur Polizei, beschrieb den Täter als Afghanen oder Inder, der 1,80 bis 1,85 Meter groß war. Auf der Polizeiinspektion wurden ihr auf dem Computer rund 20 Bilder von Vorbestraften gezeigt, sie erkannte niemanden. "Aber ich war auch etwas durch den Wind."

380 Bilder von Verdächtigen

Eine Woche später musste sie sich durch 380 Fotos klicken. "Und dann schauen mich diese prägnanten Augen an." Zu 98 Prozent war sie sich sicher, den Täter identifiziert zu haben. Einen Monat nach der Tat wird sie nochmals gerufen, diesmal zeigt man ihr aktuelle Bilder des Angeklagten. "Das ist er", sagte sie. R. war zu diesem Zeitpunkt gerade in Verwaltungshaft - eine Gegenüberstellung gab es aber nicht.

Auf Wunsch des Opfers hat der 1,80 Meter große Angeklagte die Aussage aus dem Nebenraum verfolgen müssen, schließlich bittet Baczak ihn kurz herein. "Das ist er", identifiziert ihn die junge Frau. Besonders prägnante Augen kann man als Zuseher allerdings bei R. nicht feststellen.

In den Schlussplädoyers gesteht auch die Staatsanwältin ein, dass das Verfahren auf eine reine Beweiswürdigung hinausläuft. Aber, wie sie korrekt anmerkt, die Zeugin sei glaubwürdig und präzise gewesen. Die Verteidigerin fordert dagegen einen Freispruch im Zweifel.

Psychologischer Effekt

Der Schöffensenat braucht nur kurz, um sein Urteil zu fällen: einen rechtskräftigen Freispruch. Baczak erklärt, warum. "Das Opfer hat nie gelogen", ist sie überzeugt. Aber: "Es gibt einen belegten psychologischen Effekt gerade nach Gewaltverbrechen, dass die Opfer den Täter wiedererkennen wollen."

"Ein Zeuge ist eines der schlechtesten Beweismittel", spricht sie aus Erfahrung. Und sie kritisiert die Polizei. "Schon unmittelbar nach dem Überfall hätten dem Opfer alle Fotos vorgelegt werden müssen. Und vor allem hätte es später eine Gegenüberstellung geben müssen." (Michael Möseneder, derStandard.at, 25.4.2014)

  • In der Wiener Blindengasse war es zu einem Übergriff gekommen, der Angeklagte wurde aber freigesprochen, weil das Gericht beim Opfer den psychologischen Effekt erkannte, "dass die Opfer den Täter wiedererkennen wollen".
    foto: michael kranewitter, wikipedia, cc-by-sa 3.0/at

    In der Wiener Blindengasse war es zu einem Übergriff gekommen, der Angeklagte wurde aber freigesprochen, weil das Gericht beim Opfer den psychologischen Effekt erkannte, "dass die Opfer den Täter wiedererkennen wollen".

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