Drei Alarmsignale für einen Anleihencrash 

25. April 2014, 12:51
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Die hohen Renditen in Europas Peripherieländern und bei Ramschanleihen sind abgegrast, das birgt Gefahren

Wien - Wer an den Finanzmärkten aktuell nach Rekorden sucht, wird bei Anleihen fündig - also den fest verzinsten Schuldtiteln von Staaten und Unternehmen. Am Donnerstag hat sich Spanien mit knapp drei Prozent für zehnjährige Anleihen so günstig wie nie am Kapitalmarkt finanziert. Der französische Kabelnetzbetreiber Numericable hat die größte Ramschanleihe am Tag zuvor begeben und knapp 7,9 Milliarden Euro von Investoren eingesammelt. In der Eurozone sind zwei- und fünfjährige Staatsanleihen im Schnitt so niedrig wie nie verzinst (0,5 bzw. 1,32 Prozent nach Daten der Europäischen Zentralbank).

Anleihen gehören direkt und indirekt zu den beliebtesten Anlagen der Österreicher. 42,8 Milliarden Euro werden von den privaten Haushalten direkt gehalten, weitere 40 Milliarden Euro über Rentenfonds. Dabei sind die Anteile von Mischfonds oder Lebensversicherungen, die in den Anleihenmärkten veranlagt sind, gar nicht berücksichtigt. Anleiheninvestoren sind angesichts der Rekorde aber mit drei unbequemen Wahrheiten konfrontiert.

Renditeschwund

Lange Zeit konnten Anleger magere Zinsen an deutschen oder österreichischen Kapitalmärkten mit Anleihen aus der Peripherie auffetten. Doch Spanien, Portugal, Irland bekommen an den Finanzmärkten Rosen gestreut, in Form rekordniedriger Zinsen. Für das höhere Risiko in Spanien oder Italien werden Investoren nur noch mit 1,5 Prozent mehr Rendite belohnt als bei deutschen Papieren. "Die einfachen Euro-Trades haben ihr Ende erreicht", resümiert der Ökonom Charles Gave von der Hong Konger Research-Firma GaveKal. Mit der einfachen Wette, dass sich in Südeuropa die Lage wieder stabilisiert, lässt sich künftig kaum mehr Geld verdienen, schätzt er. Denn die Herausforderungen in Spanien oder Italien bleiben wegen hoher Schulden und hoher Arbeitslosigkeit enorm.

"Die Politik der Europäischen Zentralbank ist die ultimative Unterstützung", sagt Kurt Kotzegger, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management. "Daher ist die Entwicklung zu den bemerkenswert niedrigen Zinsen nicht unplausibel." Doch auch Kotzegger sieht auf dem Anleihenmarkt insgesamt "massive Übertreibungen". Auf dem gesamten Anleihenmarkt, Staats- und Unternehmenspapiere zusammengenommen, ist die heute erzielbare Rendite bis zum Laufzeitende von drei Prozent Anfang 2012 auf 1,5 Prozent zusammengeschmolzen, wie Daten der britischen Investmentbank Barclays zeigen.

Rückkehr des Risikos

"Das Eis auf den Anleihenmärkten wird dünner", warnt daher Felix Düregger, Fondsmanager und Zinsexperte bei der Schoellerbank. Risiko und Rendite stehen für Düregger längst in einem Missverhältnis, nicht nur bei Peripherieländern. Auch die Gefahr von Unternehmenspleiten wird kaum mehr mit angemessenen Zinsen kompensiert. Das lässt sich etwa am iShares Euro High Yield Corporate Bond ablesen. Der knapp drei Milliarden Euro schwere Fonds investiert in Ramschanleihen, also Bonds mit schlechter Bonität. Die Effektivverzinsung ist seit zwei Jahren im Sinkflug. Zuletzt ist sie auf das Rekordtief von 3,93 Prozent gefallen. Am 18. Juni 2012 war sie noch doppelt so hoch.

Niedrige Zinsen locken Unternehmen wie Numericable oder Länder wie Griechenland auf den Markt, die sich hier auf Kredit günstig finanzieren. Und sie bringen Investmentbanken dazu, komplexe Verbriefungen auf den Markt zu bringen. Selbst exotische Papiere wie CoCos, ein Zwitterprodukt von Eigen- und Fremdkapital für Banken, finden reißenden Absatz.

Wachstum als Gefahr

Laut Jim Reid, Stratege bei der Deutschen Bank in London, können Anleiheninvestoren nur auf die "Japanisierung" der entwickelten Länder hoffen. Denn die niedrigen Zinsen lassen sich nur rechtfertigen, wenn es auch zur Deflation kommt, einem Fall des Preisniveaus. Dann würden nämlich zumindest die realen Renditen nach Abzug der erwarteten Pleiten höher sein. Selbst dann ist es für Reid dank der heute niedrigen Renditen "klarerweise unmöglich", dass Investoren mit Anleihen in den nächsten fünf Jahren so viel verdienen können wie in den vergangenen fünf.

Schlimmer wäre die Situation, wenn die Inflation in der Eurozone - wie die EZB erwartet - in drei Jahren wieder bei knapp zwei Prozent steht. Dann droht vielen Investoren nach Abzug von Steuern und Teuerung ein realer Verlust mit Anleihen. Für das dünne Eis auf dem Anleihenmarkt wäre daher gerade eine revitalisierte Weltwirtschaft und Euro-Konjunktur eine Gefahr. "Frühlingstemperaturen werden das dünne Eis schmelzen lassen", warnt Düregger. Auf dem Anleihenmarkt hieße mehr Wachstum und Inflation steigende Zinsen- und damit Kapitalverluste. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 25.4.2014)

  • Keine Rendite mehr zu erwarten? Experten sehen eine Blase und das Ende hoher Erträge mit Peripherie- und Unternehmensanleihen.
    foto: kambayashi

    Keine Rendite mehr zu erwarten? Experten sehen eine Blase und das Ende hoher Erträge mit Peripherie- und Unternehmensanleihen.

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