Wie virtuelle Bildung auf die Karriere wirkt

28. April 2014, 12:05
posten

Karrierekapital durch Massive Open Online Courses

Massive Open Online Courses (MOOCs) verändern das Antlitz der Bildungslandschaft sowie die Rolle und Identität von Bildungseinrichtungen - so die Botschaft von Bildungsforscher Mitchell Stevens in einem diese Woche gehaltenen Vortrag an der Stanford University, Kalifornien. Und das, so meine ich, hat deutliche Konsequenzen für Karrieren. Aber der Reihe nach.

MOOCs brauchen Zugang zum Internet und sind ein sehr junges Phänomen mit einer einfachen Grundidee: Weitgehend unabhängig von konkreten Raum- und Zeitvorgaben und jenseits formaler Vorqualifikation wollen sie Personen den Zugang zu Bildung in Form universitärer Kurse ermöglichen. Anbieter wie Coursera, edx oder NovoEd stellen diese Kurse gratis oder - wenn ein personalisiertes Zertifikat gewünscht - gegen eine sehr geringe Kostenbeteiligung, z. B. 35 Euro für einen Kurs, zur Verfügung.

Typisch etwa die Ziele und Prinzipien von edx, der von Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Harvard getragenen Plattform: Sie will Bildung für alle, Lehren und Lernen erweitern und durch Forschung verbessern und setzt als Non-Profit-Organisation mit einer Open-Source-Plattform auf Zusammenarbeit und nachhaltige Finanzierungsstruktur.

Welches Wertefundament wird vermittelt?

MOOCs werfen Fragen grundsätzlicher Art auf. Ein Beispiel ist die Rolle von MOOCs für die Sozialisation von Menschen. Schulen wie Universitäten vermitteln ja nicht nur Wissen und Fertigkeiten. Wichtiger noch im Projekt der Moderne sind sozialisatorische Funktionen, also etwa die Vermittlung von Werten und die Erziehung zu "guten Staatsbürgern". Welches Wertefundament vermitteln MOOCs - ein US-amerikanisch geprägtes, ein "globales", ein "diffuses"?

Mit Bezug auf Karriere stellen sich Fragen sowohl für die Einzelnen als auch für zukünftige Arbeitgeber insbesondere hinsichtlich des via MOOCs erworbenen symbolischen Karrierekapitals. Der Besuch von Kursen, das Absolvieren eines Studiums dient ja nicht nur der Verbreiterung individueller Qualifikationen. Es sendet auch Signale an die Umwelt und zukünftige Arbeitgeber: Ich bin aktiv, werde von einer bestimmten Art von Bildungseinrichtung aufgenommen, habe erfolgreich bestanden.

Was sind die Folgen der Virtualisierung?

MOOCs sind hinsichtlich symbolischen Karrierekapitals noch weitgehend unbeschrieben: Bringt die Virtualisierung der Lehr- und Lernprozesse und der Interaktion von Lehrenden und Studierenden mit- und untereinander einen gravierenden Verlust an Tiefe und sozialisatorischer Wirkung mit sich, oder ist es nicht gerade umgekehrt die Weite und Internationalität des Lehr- und Lernkontextes, der neue Möglichkeiten schafft? Sehen Arbeitgeber sie als geschätzte Ergänzungen zu traditionellen Ausbildungswegen oder als Notlösung für diejenigen, die sonst nirgends unterkommen? Wie kann ich überprüfen, ob die Kurse tatsächlich von der jeweiligen Person belegt wurden und Prüfungen nicht das Gemeinschaftsprodukt verschiedener Beteiligter waren?

Viele Fragen. Gefordert ist bei der Beantwortung nicht nur die Forschung, sondern alle, die in ihre persönliche Bildung investieren wollen - und zukünftige Arbeitgeber.

Wolfgang Mayrhofer ist Professor am Interdisziplinären Institut für verhaltenswissenschaftlich orientiertes Management an der WU Wien.

Share if you care.