Entführte Schülerinnen: Informationschaos in Nigeria

25. April 2014, 05:30
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Mädchen seit elf Tagen vermisst - Regierung beschuldigt Islamisten, Gefahr von Terroranschlägen im Wahlkampf steigt

Abuja/Wien - Staatsminister Musiliu Obanikoro versuchte am Mittwoch im nigerianischen TV-Sender Channels das Informationschaos zu erklären: "Ein entführtes Kind wäre schon ein Riesenthema. Aber bei etwa 200 Kindern stehen alle unter Druck."

Wie viele Mädchen sich seit nunmehr elf Tagen in der Hand der Entführer befinden, wo sie festgehalten werden und ob sie alle noch am Leben sind, darüber herrscht Uneinigkeit. Verzweifelte Eltern verkündeten am Mittwoch in einer Pressekonferenz, sich selbst auf die Suche machen zu wollen, nachdem die Behörden tagelang falsche Angaben veröffentlicht hätten.

Bekannt hat sich noch niemand zu der Entführung, aber die Regierung ist überzeugt, dass sie auf das Konto der islamistischen Sekte Boko Haram geht, die im Norden des mit 170 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Landes Afrikas gewaltsam einen Gottesstaat errichten will. Seit Jahresbeginn sollen ihr mindestens 1500 Menschen zum Opfer gefallen sein, 6000 waren es laut Menschenrechtsorganisationen seit 2009.

Antiterroreinheiten suchen angeblich fieberhaft die Wälder an der kamerunischen Grenze nach möglichen Lagern ab, wo sich die Anhänger von Boko Haram mit den Mädchen verschanzt haben könnten. Gleichzeitig wird die Kritik an der nigerianischen Regierung immer lauter, sie würde die Dimension der Gewalt bewusst verharmlosen.

Präsident Goodluck Jonathan aus dem christlich-animistisch geprägten Süden bezeichnete die radikalislamische Gruppe am Montag als "vorübergehendes Phänomen" - ausgerechnet, als er den Angehörigen der Opfer des jüngsten Bombenattentates sein Beileid aussprach.

Wahlen im Februar 2015

Vor dem Hintergrund der Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühling befürchten Beobachter eine Zunahme der Gewalt in den kommenden Monaten. Gerade im Norden des Landes, der vom Wirtschaftsaufschwung des Südens kaum profitiert, gewinnen Islamisten immer mehr an Boden.

Erst vergangenen Donnerstag kamen 25 Menschen in Andoyaku ums Leben, als Berichten zufolge islamische Hirten vom Stamm der Fulani dort einfielen und das Dorf niedergebrannt haben sollen.

Boko Haram selbst bezeichnet sich als Partnerorganisation der afghanischen Taliban, es sollen auch Verbindungen zu Al-Kaida und al-Shabaab bestehen, das Netzwerk der Terrorgruppe reicht bis in die Nachbarstaaten Kamerun und Niger.

Der Thinktank International Crisis Group warnt vor dem wachsenden Einfluss der Sekte und macht die Reformunwilligkeit der Regierung Jonathans für deren Erstarken verantwortlich. (juh, DER STANDARD, 25.4.2014)

  • Diesen vier jungen Frauen soll die Flucht gelungen sein. Die Umstände ihrer Entführung aus Chibok sind weiter unklar.
    foto: ap photo/ haruna

    Diesen vier jungen Frauen soll die Flucht gelungen sein. Die Umstände ihrer Entführung aus Chibok sind weiter unklar.

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