Geliebt, aber verstoßen: Das Bargeld-Schicksal

24. April 2014, 18:30
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Eine US-Studie stößt die Debatte um bargeldloses Zahlen wieder an. Das Argument: Weniger Bargeld führt zu weniger Kriminalität

Wien - Kein Geld in der Tasche zu haben muss nicht immer schlecht sein. Einer neuen Studie zufolge kann das sogar ganz nützlich sein. Tragen die Menschen weniger Geld mit sich, dann macht das Dieben das Leben schwer. Sechs Wissenschafter zeigen das Ganze an einem Beispiel: dem US-Bundesstaat Missouri.

Dort wurde 1997 damit begonnen, bestimmte Sozialleistungen nicht mehr über Schecks, die dann in bar eingelöst wurden, sondern über Kreditkarten auszubezahlen. Insgesamt wurden dem Geldkreislauf so fast 700 Millionen Dollar entzogen. Die Umstellung dauerte ein Jahr, was sich die Forscher zunutze gemacht haben.

Der Vergleich zwischen Bezirken, in denen das System schon eingeführt wurde, und solchen, in denen noch in Schecks ausbezahlt wurde, zeigte: Plastikgeld ist der bessere Polizist. Im Schnitt nahm die Kriminalität um fast zehn Prozent ab. Die Studie stößt in die seit Jahren laufende Debatte um die Idee einer bargeldlosen Gesellschaft. Befürworter sehen eine Welt, in der alles schneller und günstiger funktioniert. Gegner warnen vor der Totalüberwachung. Auch die Ersteller der Studie sehen nicht nur Vorteile. Vor allem in ärmeren Gegenden sei Cash noch immer essenziell.

Probleme für Ältere

In Österreich ist Bargeld laut Nationalbank für die meisten Menschen weiter Zahlungsmittel Nummer eins. Weiter ist man in Schweden. Laut einer MasterCard-Studie wurden 2011 bereits 89 Prozent der Konsumausgaben ohne Bargeld abgewickelt.

Niklas Arvidsson, Professor an der Königlich Technischen Hochschule (KTH) in Stockholm, sieht in einer bargeldlosen Gesellschaft aber Probleme für ältere Menschen oder Bewohner von ländlichen Regionen. "Auch Obdachlose oder andere Menschen ohne Bankkonto hätten große Probleme", sagt Arvidsson im Gespräch mit dem Standard.

Der Schwede sieht die Debatte aber insgesamt nüchtern. Sowohl Bargeld als auch elektronische oder mobile Zahlungssysteme hätten Vor- und Nachteile. Einerseits würden elektronische Systeme Spuren hinterlassen und es der organisierten Kriminalität daher schwerer machen, ihre Geschäfte zu vollziehen. Andererseits entstünden neue Möglichkeiten, den Menschen ihr Geld im Internet zu stehlen.

Angst vor Big Brother

Auch die NSA-Affäre, die die massive Überwachung des Internets durch amerikanische Geheimdienste offenbarte, zeigt laut Arvidsson ein Problem einer Welt ohne Bargeld auf. "Big Brother ist eine große Herausforderung. Die Menschen wollen nicht, dass man jede ihrer Handlungen nachvollziehen kann", sagt der KTH-Professor, der seine Forschung hauptsächlich der bargeldlosen Gesellschaft widmet.

Generell gehe der Trend rund um den Globus weg von Cash. Arvidsson sieht aber ein Paradoxon: Die Bedenken seien auch in Schweden groß. In einer Umfrage hätten zwei Drittel der Schweden Bargeld als fundamentales Menschenrecht eingestuft. "Die emotionale Bindung ist also noch immer groß. Gleichzeitig nutzen die Menschen aber kaum mehr Bargeld." Am Ende setzt sich also anscheinend unabhängig von der Debatte um Gefahren die komfortablere Zahlungsart durch. (Andreas Sator, DER STANDARD, 25.4.2014)

  • Wer sein Geld nicht mehr mit sich trägt, macht es Taschendieben schwer. Laut US-Wissenschaftern haben Kreditkarte und Co das Potenzial, die Kriminalität deutlich zu senken. 
    foto: dpa/bockwoldt

    Wer sein Geld nicht mehr mit sich trägt, macht es Taschendieben schwer. Laut US-Wissenschaftern haben Kreditkarte und Co das Potenzial, die Kriminalität deutlich zu senken. 

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