Architekt Hans Hollein gestorben

24. April 2014, 17:50
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Der international tätige Avantgardist hinterlässt ein reichhaltiges Lebenswerk

Wien - Bei seinem allerersten Bauprojekt musste er die Pläne siebenmal umzeichnen und den Baupolizisten um den Finger wickeln: Das Kerzengeschäft Retti am Kohlmarkt sei einer Stadt wie Wien einfach nicht zuzumuten, hieß es damals seitens der Behörde. "Schließlich habe ich eine Minimaleinreichung im Maßstab 1:100 gemacht", erinnerte sich Hans Hollein später: "Das wurde genehmigt, weil man darauf nichts Genaues erkennen konnte."

Seit der Eröffnung des 16 Quadratmeter großen Kerzengeschäfts 1965 ist ein gewaltiges OEvre an Bauten, Möbeln, Kunstwerken, Bühnenbildern, Ausstellungsgestaltungen und zahlreichen theoretischen Schriften entstanden. Gestern, Donnerstag, ist der österreichische Architekt und Universalkünstler Hans Hollein, der am 30. März noch seinen 80. Geburtstag feierte, nach langer, schwerer Krankheit in den Morgenstunden gestorben.

"Als meisterhafter Architekt, inspirierender Lehrer, Visionär und Vordenker", wie ihn Kunst- und Kulturminister Josef Ostermayer (SP) in seiner gestrigen Presseaussendung bezeichnete, habe Hollein einen wichtigen Grundstein für ein neues Bewusstsein in der Baukunst gelegt. Dieser Grundstein war Fundament für die Wiener Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre.

"Wir müssen die Architektur vom Bauen befreien", forderte Hollein, der an der Wiener Akademie der bildenden Künste in der Meisterklasse Clemens Holzmeisters studiert hatte, damals. Gemeinsam mit seinen Zeitgenossen Friedensreich Hundertwasser, Markus Prachensky, Walter Pichler und Arnulf Rainer mischte er die Wiener Kunstszene auf. Mit seinen Auftritten, Manifesten und Streitschriften protestierte er gegen den nüchternen Funktionalismus der Nachkriegsarchitektur und noch mehr gegen den konventionellen Kunstbetrieb.

Auch die Kollegen der eigenen Bauzunft verschonte er nicht: "Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken!"

Zu seinen bekanntesten visionären Entwürfen, die über den Tellerrand des klassischen Bauens reichten, zählen Flugzeugträger in der Landschaft (1964), Schattenberg Castle (1963), ein zur monströsen Burg entwachsener Rolls-Royce-Kühlergrill, sowie das Mobile Büro (1969), eine pneumatische Bürozelle aus Kunststoff, in der es sich der junge Baukünstler mit Reißbrett und Telefon bequem machte. Das aufblasbare Gehäuse war Prototyp einer provisorischen, transportablen Behausung und kam auch unserer heutigen Lebens- und Arbeitskultur um einige Jahrzehnte zuvor.

Gesamtkunstwerke

Real und ihrer Zeit voraus waren Holleins frühe Bauten wie das Schmuckgeschäft Schullin in Wien (1973), das Österreichische Verkehrsbüro im Opernringhof (1976), das 1987 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zerstört wurde, sowie das international viel beachtete Städtische Museum Abteiberg in Mönchengladbach. Das 1982 eröffnete Kunstmuseum für Werke namhafter bildender Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts ist ein Gesamtkunstwerk, in dem Hollein erstmals mit den Elementen einer Architektur spielte, die später unter dem Begriff Postmoderne in die Geschichte eingehen sollte.

1990 wurde sein Haas-Haus am Stephansplatz eröffnet. Das aus Stein und Glas gebaute Manifest, in dessen gewölbten Fassaden sich das Wiener Wahrzeichen spiegelt, spaltete die Wiener Bevölkerung in Liebhaber und Hasser. Bis heute gilt das Haas-Haus als zeitgenössischer Konterpart in einem von der Unesco geschützten Weltkulturerbe. Es folgten Schul- und Bürobauten, diverse Museen wie etwa das Niederösterreichische Landesmuseum in St. Pölten oder das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt sowie das Flugdach auf der Rampe der Albertina.

"Es kann nicht jedes Projekt eine Weihnachtsgans sein", bemerkte Hans Hollein dazu einmal im Gespräch mit dem Standard. "Manchmal hat man nach einigen Jahren Arbeit eben nur ein warmes Würstl vor sich am Teller liegen. Aber alles ist wichtig. Und die Albertina ist in ihrer Gesamtheit ganz bestimmt eine Weihnachtsgans, auch wenn manche Teile davon eher ein Würstl sind."

Internationale Erfolge

Die Weihnachtsgänse der letzten Jahre entstanden fast ausschließlich außerhalb Österreichs, so wie das Headquarter der Interbank Lima im Peru (2001), die Centrum Bank in Liechtenstein (2002) oder der 2002 eröffnete Vulcania-Erlebnispark in Saint-Ours-les-Roches in der Auvergne. Der Museumscampus mit seinem unverwechselbaren golden schimmernden Vulkankegel sorgte weltweit für Aufsehen.

Sein 1967 formulierter Leitsatz "Alles ist Architektur" zog sich wie ein Wahlslogan durch sein Schaffen. Für Arthur Schnitzlers Komödie der Verführung (1980) am Wiener Burgtheater zeichnete er das Bühnenbild, für Traum und Wirklichkeit im Wiener Künstlerhaus (1985) lieferte er die Ausstellungsgestaltung. Zuletzt realisierte er vor dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe eine spektakuläre Arbeit aus 1960, indem er ein paar ausrangierte VW-Käfer zu einem Car Building stapelte. Es ist die letzte dokumentierte Arbeit Holleins, der 1985, als bisher einziger Österreicher, mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde.

"Ich habe mich nie als Teil der Avantgarde erachtet", sagte Hollein im Rückblick auf sein Leben. "Ich habe einfach nur auf meine eigene Art versucht, in die Zukunft zu blicken." Dieser Blick zeichnet Visionäre aus und reicht weiter als seine eigene Existenz. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 25.4.2014)

Am 5.5. eröffnet die Galerie Ulysses, Opernring 21, die Ausstellung "Hans Hollein". Ab 25.6. zeigt das Mak eine umfangreiche Rückschau auf Holleins Lebenswerk.

Am 11. September 2014 eröffnet die Ausstellung Kiesler und Hollein. Dialoge. Kiesler Stiftung Wien. Ausstellungsdauer: 12. September - 25. Oktober 2014

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Hans Hollein: Zwischen Weihnachtsgansarchitektur und Kunst

  • Stararchitekt, Künstler, Designer, Ausstellungsmacher und Österreichs einziger Pritzker-Preis-Träger Hans Hollein: "Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken zu denken."
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  • Hans Hollein im Jahr 1992 am Balkon der STANDARD-Redaktion am Michaelerplatz.
    foto: matthias cremer

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  • Unverwechselbar golden schimmernder Vulkankegel: Mit dem 2002 eröffneten Vulcania-Erlebnispark in Saint-Ours-les-Roches in der Auvergne (Frankreich) erregte der österreichische Weltstar der Architektur internationales Aufsehen.
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