Eine Stadt, die durch die Gegend fährt

25. April 2014, 13:50
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Eine "Nomadenstadt", auch "Very Large Structure" genannt: Die Stadtutopie des Spaniers Manuel Dominguez ist mobil - und kann Gegenden mit wenig Ressourcen ansteuern

Politik, Wissenschaft, Medien - alle reden von Urbanisierung. 80 Prozent der Menschen sollen nach Schätzungen der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2050 in Städten leben. Allein: Der Verstädterungsprozess ist keine Einbahnstraße. Es gibt auch Deurbanisierung. Städte, die verfallen, verwaisen, aussterben.

Die GM-Hochburg Detroit ist wohl das augenfälligste Beispiel. Der Bau von Gebäuden ist kein Allheilmittel. Architekten müssen Städte heute auch dekonstruieren, sie flexibler machen. Die Bewegungsströme sind in Zeiten der Globalisierung so stark wie nie. Menschen wandern ab, doch die Städte bleiben zurück. Oder auch nicht. Denn Städte sind nun mal statisch. Was passiert, wenn die Bewohner reihenweise abwandern? Die Städteforschung hat auf den Exodus noch keine überzeugende Antwort gefunden.

Ein Ungetüm auf Rädern

Der spanische Architekturstudent Manuel Dominguez von der Escuela técnica superior de arquitectura de Madrid (ETSAM) wartet nun mit einer ebenso simplen wie spektakulären Lösung auf: eine Stadt auf Rädern. Auf den Zeichnungen ist ein riesiges Ungetüm zu sehen, eine Mischung aus Flugzeugträger, Ölplattform und Hochhäusern, getragen von kolossalen Stahlpfeilern und Kettenfahrzeugen.

Very Large Structure (VLS) hat Dominguez das Projekt genannt. Die mobile Stadt kann Orte ansteuern, denen es an Arbeit und Ressourcen ermangelt. Etwa unwirtliche Wüstengegenden oder polare Regionen. Die mobile Metropole verfügt über genau dieselbe Infrastruktur wie konventionelle Städte: Sportplätze, Restaurants, Universitäten.

Die "Walking City"

Zugegeben: Die Idee ist nicht neu. Schon 1964 entwarf der britische Architekt Ron Herron das Projekt einer "Walking City", die mit mobilen Roboterstrukturen den Raum einnimmt. Der Entwurf wurde im Fachblatt Archigram publiziert und hatte einen starken Einfluss auf den architektonischen Diskurs der 1960er- und 1970er-Jahre. Wenn man so will, ist es die Vision der schlanken, selbstversorgenden Stadt.

Die moderne urbane Agglomeration soll anders als Megacitys wie Kairo, Mexiko-Stadt oder Jakarta nicht unendlich in die Weite wuchern, sondern begrenzt und kontrollierbar sein, mit anpassbaren Modulen, die man je nach Bedarf abtrennt oder anfügt. Dominguez knüpft an diese Denkweise an. Seine These ist, dass sich Städte in mobilen Einheiten besser vernetzen und ergänzen können. Freilich wäre es zu leicht, seine Abschlussarbeit als realitätsfernes Konstrukt aus dem Elfenbeinturm abzutun.

Reduktion der Emissionen

Very Large Structure kommt gewiss etwas klobig daher, aber es setzt wichtige Impulse, urbane Prozesse neu zu reflektieren. Tatsache ist, dass Städte 70 Prozent zum Ausstoß von Treibhausgasen beitragen. Abgesehen von ein paar Modellversuchen mit Ökosiedlungen (Masdar bei Abu Dhabi in den Emiraten, Kopenhagen, Stockholm) gibt es kein tragfähiges Konzept, die Emissionen angesichts des wachsenden Energiebedarfs in Ballungsräumen zu reduzieren. Very Large Structure hätte trotz seiner Größe einen geringeren Einfluss auf das Ökosystem - es soll weitgehend autark funktionieren.

Die "Nomadenstadt", wie sie auch genannt wird, versiegelt kaum Flächen und könnte ein wichtiges Balancevehikel im immer ungleicher werdenden Verhältnis von Stadt und Land sein. Gleichwohl: Wie genau die Logistik (Abfallmanagement, Ressourcenproduktion, Distribution) funktioniert und welche Investoren daran ein Interesse haben könnten, verrät das Konzept nicht. Es wird wohl eine Utopie bleiben. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 24.4.2014)

  • Bewegt wird die Very Large Structure mit gigantischen Kettenfahrzeugen. Die "Nomadenstadt" soll alle nötige Infrastruktur bieten und weitgehend autark funktionieren.
    foto: manuel dominguez

    Bewegt wird die Very Large Structure mit gigantischen Kettenfahrzeugen. Die "Nomadenstadt" soll alle nötige Infrastruktur bieten und weitgehend autark funktionieren.

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