Fall Elke Lichtenegger: Das macht mir Angst

Leserkommentar24. April 2014, 10:06
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1. Was ist passiert?
Die Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger äußert sich im Rahmen eines Interviews in einer Anekdote unter anderem despektierlich über die österreichische (Band-)Musik. Daraufhin bricht in den sogenannten sozialen Medien ein sogenannter Shitstorm über sie herein.

2. Dazu will ich etwas schreiben. Denn ich bemerke, dass mich die Dynamik dieser Geschichte mehr beschäftigt, als mir lieb ist. Das Schreiben ist als Sortieren der Gedanken mein wichtigstes Ventil.

3. Ich könnte mich jetzt über die Qualität der österreichischen Musik äußern, aber das wäre wenig seriös, da ich mich mit diesem Thema wenig bis gar nicht beschäftige und auskenne. Mein einziger Beitrag dazu: Ich mag Mozart und Danzer sehr gerne.

4. Ich könnte mich auch über das Musikverständnis des öffentlich-rechtlichen ORF-Radios Ö3 (das ist jener Sender, den niemand hört, aber alle hören) äußern. Über dessen kommerzielle Linie und den offenbar unzureichenden Anteil österreichischer Produktionen. Aber auch da fühle ich mich nicht kompetent genug, das können andere besser, zum Beispiel Hannes Tschürtz (Was Lichteneggers Fehltritt über das Musikverständnis von Ö3 sagt, derStandard.at, 22. April).

5. Lieber zähle ich in dieser Angelegenheit Fakten auf, um am Ende bei jenem Gedanken zu landen, der mich so rasend irritiert.

6. Ich kenne Elke Lichtenegger nicht. Nicht persönlich. Nicht als Moderatorin. Ich will daher weder ihre Persönlichkeit noch ihre Arbeit bewerten. Das Einzige, was ich kenne, ist der mittlerweile flächenbrandmäßig verbreitete Auszug eines Videos.

7. Ebendieser Auszug ist Teil des Problems. Denn Tatsache ist: Elke Lichtenegger war zu Gast beim Projekt "Media & More – Wir sind mehr", einem Tageszentrum für junge Erwachsene mit körperlicher Behinderung. Den Umstand dieses Besuchs muss man nicht als menschliche Großtat feiern, man sollte ihn als Akt der Freundlichkeit aber auch keinesfalls unerwähnt lassen.

8. Im Zuge dieses Treffens beantwortete Lichtenegger auch allerlei Fragen, zu sehen im nett gemachten Beitrag (Dauer: 28:33 Minuten; das Video ist mittlerweile nicht mehr abrufbar, Anm.). Dabei fällt auf: Die Passage, die (aus dem Kontext der Gesprächssituation gerissen) verbreitet wurde, ist eine 75-Sekunden-Sequenz (beginnend bei 18:22), in der Folgendes passiert:

a) Elke Lichtenegger erläutert, dass sie die Gesichter der Band Imagine Dragons nicht erkannt hat. Nun, das könnte man einer Ö3-Moderatorin mit jahrelanger Erfahrung allenfalls en passant zum Vorwurf machen, aber kaum mehr. Ich bin zwar – wie erwähnt – kein Maßstab, aber ich habe bis dato noch nicht einmal den Namen dieser Gruppe je gehört. So what?

b) Elke Lichtenegger beschreibt mit leicht genervter Tendenz jene Szene, die nun zur Aufregung geführt hat. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um einen einzigen Satz, der zwar ziemlich flapsig wirkt, aber auch bei bösestem Willen von einem Skandal so weit entfernt ist wie unsere Regierung von Everybody's Darling. Und er dient meiner Meinung nach auch nur bedingt dazu, ihn zum Symptom für die Geisteshaltung von Ö3 zu machen.

c) Elke Lichtenegger schildert, wie sie einigermaßen gereizt die Tür zuschmeißt und die Dragons anschnauzt. So etwas mag freilich wenig sympathisch wirken, aber es ist offensichtlich, dass sie die Geschichte als lustige Anekdote verstanden wissen wollte. Das ging daneben. Und aus. Einen Anlass zu einer derart konstruierten Hyperventilation kann und will ich partout nicht erkennen. So fad wird mir hoffentlich nie sein.

9. Aber was sich nach Veröffentlichung des Videos zugetragen hat, diese Welle der Wut, der verbalen Gewalt, der gnadenlosen Beschimpfung einer jungen Frau, löst in mir eine wesentlich größere Irritation und Fassungslosigkeit aus, als es ein paar schnoddrigen Worte je tun könnten.

Da war kaum milder Spott zu spüren, kaum sanfte Ironie, kaum eine subtile Botschaft. Stattdessen wurden fast wie auf Befehl ruckartig die untersten Schubladen geöffnet, und die Meute begann, ihr Opfer genüsslich in Stücke zu reißen. Von Verhältnismäßigkeit war längst keine Spur mehr. Und wer sie einforderte, wurde gleich mit zerbissen.

Das macht mir Angst. Dieses enorme destruktive Potenzial, das die (sozialen) Medien besitzen. Diese Erkenntnis, dass es offenbar keine Nuancen des Zorns mehr gibt. Diese Vision, dass es heute Elke Lichtenegger ist, und dass es morgen schon ich sein könnte. Die Sau, die durchs Dorf getrieben wird, weil sie sich in der Wahrnehmung einer selbstgerechten Mehrheit in einem kurzen Augenblick vergrunzt hat. Ich lasse Ursache und Wirkung in ihrer gesamten Wucht auf mich wirken ... und bleibe verstört.

10. Das sind die Kontodaten von Media & More.
624 213 401
BLZ 12000
IBAN: AT22 1200 0006 2421 3401
BIC: BKAUATWW

Dort freuen sich alle über Spenden. Damit der Fall zumindest irgendeinen Sinn hatte. (Michael Hufnagl, Leserkommentar, derStandard.at, 24.4.2014)

Michael Hufnagl ist freier Journalist in Wien.

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