Telekom: ÖIAG braucht bis zu 280 Millionen

24. April 2014, 17:23
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Nach dem Chaos wurde der Syndikatsvertrag doch noch besiegelt, für Kunden soll alles gleich bleiben, für die Chefetage nicht

Wien - Die Staatsholding ÖIAG wird sich mit 250 bis 280 Mio. Euro neu verschulden müssen, um ihre Sperrminorität an der Telekom Austria (TA) halten zu können, so ÖIAG-Chef Rudolf Kemler am Donnerstagnachmittag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem künftigen Syndikatspartner America Movil (Amov). Amov-Finanzchef Carlos Garcia Moreno will die Telekom als Plattform für Zukäufe in Europa nützen.

Die geplante Kapitalerhöhung soll der mit rund vier Mrd. Euro verschuldeten Telekom frisches Eigenkapital bringen. Der genaue Betrag stehe noch nicht fest, Kemler sprach von einer Größenordnung von rund einer Mrd. Euro. Kemler warb erneut für den umstrittenen Syndikatsvertrag, der die beiden TA-Großaktionäre zu gemeinsamen Entscheidungen zwingt. Amov habe künftig zwar die Mehrheit in Aufsichtsrat und Vorstand, dafür gebe es in der Satzung ein Vetorecht für Kapitalmaßnahmen. Das gehe über die Rechte hinaus, die man mit der Sperrminorität alleine habe.

Die Mexikaner bekommen die industrielle Führerschaft und können die TA im Amov-Konzern konsolidieren. Fragen zum Anteil, den America Movil anstrebt, wich Moreno aus. Das hänge, davon ab, wie viele Aktionäre das Pflichtangebot annehmen. Die 7,15 Euro, die Amov bietet, nannte er einen fairen Preis. Das Angebot fiel um mehr als ein Zehntel höher aus, als es hätte müssen.

Aktie im Höhenflug

Die Aktien der Telekom Austria haben unterdessen um bis zu satte 7,56 Prozent auf 7,154 Euro zugelegt und notiert zu Mittag immer noch bei 7,10 Euro. Am Vorabend sah es an der Börse mit den Telekom-Papieren weniger erfreulich aus. An der Wiener Börse war das Papier mit einem Minus von 3,19 Prozent bei 6,65 Euro aus dem Handel gegangen.

Geschuldet war der Absturz dem Chaos im ÖIAG-Aufsichtsrat, der dem an Ende doch noch unter Dach und Fach gebrachten Syndikatsvertrag zwischen den beiden Telekom-Großaktionären Carlos Slim (via America Movil) und der Staatsholding ÖIAG vorausgegangen ist. Die Anleger werden nun mit einem Pflichtangebot von 7,15 Euro entschädigt - so viel bietet America Movil für die Aktien im Streubesitz. Durch die Zusammenarbeit wurde ein öffentliches Pflichtangebot ausgelöst.

Die Mexikaner teilten außerdem mit, eine Kapitalerhöhung von einer Milliarde Euro zu unterstützen. Um ihre Sperrminorität von 25 Prozent zu halten, müsste auch die ÖIAG mitziehen, die Republik Österreich also Geld in die Hand nehmen. Die Experten der Berenberg Bank bezeichneten das Angebot in einem ersten Kommentar als "großzügig" und haben ihre Empfehlung für die Telekom-Austria-Papiere von "Sell" auf "Hold" hochgenommen. Auch das Kursziel wurde von 3,80 Euro auf die von America Movil gebotenen 7,15 Euro hinaufgesetzt.

Chaos am Vortag

Dass sich am Ende doch noch alles im Sinne der Vertragspartner entwickelte, war am Mittwoch keineswegs absehbar. Carlos Slim hat sich mit seiner America Movil die industrielle Führung der Telekom Austria gesichert.

Dem war ein Sitzungschaos im ÖIAG-Aufsichtsrat vorausgegangen - die fünf Arbeitnehmervertreter boykottierten das Treffen, und drei der neun Kapitalvertreter fehlten vorerst. Die Allianz wurde von ÖIAG-Chef Rudolf Kemler und dem Finanzchef von America Movil zwei Stunden vor Mitternacht besiegelt. Kurz zuvor hatte der ÖIAG-Aufsichtsrat den Beschluss gefasst, grünes Licht für den Syndikatsvertrag zu geben. Um beschlussfähig zu werden, musste der ÖIAG-Chefaufseher Peter Mitterbauer aus dem Ausland eingeflogen werden.

Unbeantwortet blieb am Mittwoch die Frage, warum Mitterbauer der Sitzung zunächst überhaupt fernblieb und damit ein stundenlanges Warten heraufbeschwörte. Der angestrebte Pakt stand zudem unter Zeitdruck, damit es nicht zu einer einjährigen Sperre aufgrund des Übernahmegesetzes kommt.

Arbeitnehmervertreter unzufrieden

Scharfe Kritik an dem Syndikat übten nach wie vor die Arbeitnehmervertreter. Sie hätten nur einen Tag Zeit gehabt, den Vertrag zu studieren. Außerdem vermissen sie eine Jobgarantie. Die ÖIAG sprach am Abend davon, dass "die spezifischen Anliegen und Interessen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Österreich" berücksichtigt worden seien und die Unternehmenszentrale in Wien bleibe.

Für die Kunden der Telekom, die am Heimatmarkt Österreich unter den Marken "A1", "Bob" und "Yesss!" auftritt, ändert sich vorerst nichts. Die Telekom werde nicht zu "Austria Movil", die "erfolgreich eingeführten Marken Telekom Austria und A1 blieben erhalten", erklärte die Staatsholding.

Die ÖIAG sichert sich mit dem Syndikatsvertrag, der mindestens zehn Jahre laufen soll, den Aufsichtsratsvorsitz und darf auch weiterhin den Generaldirektor nominieren. America Movil hat aber künftig sowohl im Aufsichtsrat als auch im Vorstand die Mehrheit (siehe dazu: Einigung nach Chaos). Der Generaldirektor bekommt damit zwei Aufpasser aus Mexiko. ÖIAG-Chef Kemler lobte den Pakt dennoch: "Heute ist ein guter Tag." Das war allerdings am Mittwoch. Im ORF-Radio am Donnerstag zeigte Kemler sich eher verstimmt, zumindest was den chaotischen Ablauf betrifft. So sei das nicht ausgemacht gewesen, sagt Kemler im "Morgenjournal". Die Schuld sei damit klar bei den fünf Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat zu suchen.

Lob und Kritik gab es hingegen von Industrie, Wirtschaft und ÖVP. Der Boykott der Arbeitnehmervertreter sei ein "gefährliches Spiel mit Arbeitsplätzen" gewesen, sagte ÖVP-Klubobman Reinhold Lopatka. Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm, der sich bis zuletzt gegen das Syndikat ausgesprochen hatte, habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ähnlich, aber nicht ganz so direkt äußerte sich der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Kapsch. "Partei- oder interessenpolitische Zurufe von außen sind gerade in der jetzigen standortpolitisch sensiblen Phase weder sinnvoll noch konstruktiv", meinte er. ÖVP-Wirtschaftsbund-Generalsekretär Peter Haubner sprach von wichtigen Zukunftsinvestitionen und Arbeitsplätzen, die durch die Kooperation abgesichert würden. (APA/red, derStandard.at, 24.4.2014)

Wissen: Der Telekom-Syndikatsvertrag

Mit dem Syndikatsvertrag - einen solchen gibt es bereits seit langem bei der ebenfalls teilstaatlichen OMV, wo die ÖIAG mit dem Staatsfonds IPIC aus Abu Dhabi syndiziert ist - müssen die beiden Kernaktionäre Entscheidungen künftig gemeinsam treffen. Die ÖIAG ließ sich zwar im Vertrag die Toppositionen des Vorstandschefs und des Aufsichtsratsvorsitzenden zusichern. Allerdings: Sowohl Aufsichtsrat als auch Vorstand werden klar von America Movil dominiert, die die Österreicher jederzeit überstimmen können, wie eine mit der Materie vertraute Person im STANDARD-Gespräch erläuterte.

  • Die Telekom Austria hat einen neuen Partner. Die Partnerschaft zu besiegeln war keine leichte Angelegenheit.
    foto: reuters/bader

    Die Telekom Austria hat einen neuen Partner. Die Partnerschaft zu besiegeln war keine leichte Angelegenheit.

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