Fährunglück vor Südkorea: Leiche von erstem Hilferufer gefunden

24. April 2014, 06:29
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Sieben Crew-Mitglieder verhaftet - Rotes Kreuz Nordkoreas kondoliert

Seoul - Mehr als eine Woche nach dem Fährunglück in Südkorea haben Taucher im Wrack die Leiche des Schülers gefunden, der noch vor der Besatzung einen Notruf abgesetzt hatte. Der Bursch sei von seinen Eltern identifiziert worden, berichtete die Nachrichtenagentur Yonhap am Donnerstag. Er hatte drei Minuten vor der Besatzung in seinem Notruf völlig verängstigt berichtet, dass die Fähre sinke.

Der Anruf des Schülers heizte den Ärger über die späte Reaktion von Kapitän und Besatzung weiter an. Die "Sewol" war vor einer Woche auf dem Weg zur Insel Jeju mit 476 Menschen an Bord gekentert und später gesunken. 174 Insassen wurden gerettet, darunter der 69-jährige Kapitän und zwei Drittel seiner Besatzung. Die Zahl der bestätigten Todesopfer stieg am Donnerstag auf 169, 133 galten noch als vermisst. Ihre Bergung in dem trüben Wasser ist äußerst mühsam.

An Bord der Unglücksfähre befanden sich 352 Schüler einer Mittelschule der Stadt Ansan sowie rund ein Dutzend ihrer Lehrer, die zu einem Ausflug auf die Urlaubsinsel Jeju wollten. Nur 75 der Jugendlichen überlebten das Unglück.

Crew und Reederei

Nach Angaben von Gerichtsmedizinern wollen einige Eltern der getöteten Schüler eine Obduktion verlangen, um die genaue Todesursache festzustellen. Sie glauben, dass ihre Kinder möglicherweise zunächst in Lufteinschlüssen überlebt haben und möglicherweise nicht gestorben wären, hätten die Bergungsarbeiten nicht so lange gedauert. Bis die Taucher zu den ersten Leichen vordrangen, vergingen vier Tage.

Die Umstände des Unglücks sind noch nicht aufgeklärt. Sieben Crew-Mitglieder wurden verhaftet, darunter Kapitän Lee Joon Seok. Sie sollen die Evakuierung verzögert und die Passagiere im Stich gelassen haben, weil sie frühzeitig das Schiff verließen. Vier weitere Besatzungsmitglieder sind festgenommen, aber bisher noch nicht angeklagt. Sie wurden am Donnerstag im Fernsehen gezeigt. Einer von ihnen, der leitende Maschinist der "Sewol", sagte aus, er habe vor dem Unglück keine technischen Probleme festgestellt.

Die Ermittler nehmen sich auch den Betreiber der Unglücksfähre vor. Zahlreiche Büros der Reederei Chonghaejin Marine wurden durchsucht. Gegen den Eigentümer Yoo Byung-eun und das Management wird unter anderem wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Untreue ermittelt. Die Ermittler wollen Vermögenswerten nachspüren, damit später Schadenersatz an die Familien der Opfer gezahlt werden kann.

Tiefes Mitgefühl aus dem Norden

Indessen kam es am Mittwoch erstmals seit der Tragödie zu einem Zeichen des Solidarität aus Nordkorea. Der Vorsitzende des Roten Kreuzes in Pjöngjang hat ein Kondolenzschreiben an seinen Amtskollegin in Seoul geschickt. Die südkoreanische Regierung bestätigte laut der Nachrichtenagentur Korea Central News Agency den Brief, der "tiefes Mitgefühl ausdrückt". Zuvor war aus Nordkorea ausschließlich Kritik am Sinken der Fähre und dem Umgang des Südens damit vernommen worden.

Es war die größte Schiffskatastrophe in Südkorea seit mehr als 20 Jahren. Der Untergang einer überladenen Fähre im Oktober 1993 vor der Westküste hatte 292 Menschenleben gekostet. (APA/red, derStandard.at, 24.4.2014)

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