Ein Goldgräber aus der Urzeit des Internets

23. April 2014, 18:38
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Yline-Gründer Werner Böhm personifziert den Goldrausch der späten 1990er

Wenn ein Strafprozess zwölf Jahre auf sich warten lässt, dann wird er automatisch zu einer Art Geschichtsstunde. Mit Werner Böhm steht seit Mittwoch eine Hauptfigur des österreichischen New-Economy-Booms vor dem Kadi. Und der heute 49-Jährige personifiziert fast alles, was den damaligen politisch-finanziellen Goldrausch ausmachte.

Der gebürtige Amstettner war der jüngste und angeblich talentierteste Marketing-Manager beim US-Computerriesen IBM. Als Ende der 90er-Jahre in anderen Ländern Typen wie er durch Millionenbörsengänge reich wurden, wollte Böhm nicht nachstehen. Kurz war er Geschäftsführer eines Rechenzentrums gewesen, das nach seinem Abschied in die Pleite schlitterte. Inspiriert vom Börsenguru Mike Lielacher, gründete er 1998 die Yline und ging mit ihr bloß ein Jahr später mit einem Eröffnungskurs von 29 Euro an die Börse. Was Yline eigentlich tat, konnte niemand genau sagen - irgendwelche Internetdienste halt.

Wichtig war, dass Yline bestens mit der FPÖ vernetzt war, die damals energisch an die Macht strebte. Der FP-nahe Industrielle Ernst Hofmann war sein Aufsichtsratschef, Karl-Heinz Grasser besaß 285 Aktien, die Tochtergesellschaft FirstInEx, an der wiederum Grassers Vater beteiligt war, gestaltete FP-Webseiten und die für dessen Kinderfotos berühmte Homepage des Finanzministers. Sogar als FP-Minister war Böhm kurz im Gespräch.

Im März 2000 war die Yline-Aktie an der Technologiebörse Easdaq 278 Euro wert, hatte aber kaum Umsätze - dafür war die Krone auf der Seite der Firma. In Kooperation mit News verschenkte Yline 30.000 IBM-PCs, um so Kunden für seine überteuerten Providerdienste zu ergattern, doch diese Aktion ging schief - und bildet nun den Kern der Untreue- und Betrugsanklage. Böhm bemühte sich vergeblich um das Softwarehaus Beko und plante die Übernahme des damals bereits kaputten Libro. Kurz darauf, im September 2001, war auch Yline pleite - mit Passiva von rund 25 Millionen Euro.

Danach versuchte sich der verheiratete mehrfache Vater als Berater, beteiligte sich an verschiedenen Firmen mit ebenfalls undefinierbaren Geschäftsfeldern und verfasste Bücher mit Titeln wie Sklaven der Gier und Geld, Ehre & Macht. Dann bereitete er sich auf seinen Prozess vor. Doch die Justiz ließ ihn warten, der Akt wanderte von einem Staatsanwalt zum nächsten. Böhms Glück: Auch bei einem Schuldspruch ist die lange Verfahrensdauer ein Milderungsgrund. (Eric Frey, DER STANDARD, 23.4.2014)

  • Yline-Gründer Werner Böhm steht nach zwölf Jahren vor Gericht.
    foto: apa/punz

    Yline-Gründer Werner Böhm steht nach zwölf Jahren vor Gericht.

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