Siedlung oder Grätzel

Kolumne23. April 2014, 18:01
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In der Frage, ob Stadtplaner etwas dazugelernt haben, vermittelt die neue Wiener Seestadt in Aspern einen Hoffnungsschimmer

Warum sind die meisten Neubaugebiete eigentlich so hässlich? Warum wird aus einer ländlichen Siedlung nie ein Dorf und aus einer städtischen nie ein Grätzel? Was ist es, das unsere Wohnsiedlungen so unwirtlich macht?

Wer durchs Land reist, durch wunderschöne Landschaften und durch wunderschöne alte Städte und Dörfer, dem kommt immer wieder das Grausen, wenn er sieht, was sich außerhalb der Stadt- und Dorfkerne an Häuseragglomerationen ausbreitet. Auf dem Land sind es meist Ein- oder Zweifamilienhäuser, hingestreut über die Baugrundstücke. Keine Dorfstraße. Kein Hauptplatz. Keine Kirche, kein Wirtshaus, kein noch so bescheidener zentraler Ort, wo es einen hinzieht. Man kann, wenn man hier wohnt, eigentlich nur so schnell es geht zur Autobusstation streben, um irgendwo anders hinzufahren.

Und in den Städten? Da sind es die schachtelartigen Wohnblöcke, die hinter- und nebeneinander aufgereiht sind. Nicht in Straßen, wohlgemerkt, und auch nicht um Plätze oder Beserlparks herum. Nein, die Blöcke stehen isoliert voneinander, getrennt durch schmale Grasstreifen, mit denen man genau gar nichts anfangen kann. Weder können Kinder darauf spielen, noch kann man darauf eine Bank aufstellen. Geschäfte gibt es auch nicht, sondern eingekauft wird im Einkaufszentrum. Während noch der armseligste Markt gute Laune macht und Geschäftsstraßen zum Flanieren einladen, verursacht das Einkaufszentrum trotz Warenüberfluss vor allem Depression. Kein Wunder, dass die Sozialarbeiter hier viel zu tun haben.

Dabei sind die Wohnungen meist gut geplant und komfortabler als die in älteren Vierteln. Aber sowohl die vielgeschmähten Mietskasernen der Gründerzeit wie die Gemeindebauten der Zwischenkriegsepoche bilden ein urbanes Umfeld, in das junge Leute heute viel lieber einziehen als in die seelenlosen Neubausiedlungen. In alten Arbeiterquartieren entsteht eine kreative Szene. Man merkt das nicht zuletzt daran, dass dort die Wohnungsmieten steigen.

Haben die Stadtplaner inzwischen dazugelernt? Einen Hoffnungsschimmer vermittelt die neue Wiener Seestadt in Aspern, die in den nächsten Jahren 20.000 Bewohner beherbergen soll. Wer sich auf der Baustelle umsieht, dem wird zumindest klar, dass sich die Planer hier etwas gedacht haben. Es gibt kein Einkaufszentrum, sondern eine Hauptstraße mit Geschäften. Das allein ist Goldes wert. Und es gibt einen zentralen Kern der Anlage in Gestalt des Sees. Durch die Geschäftsstraße wird man eines Tages zum See wandern können. Das ist immerhin etwas. Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätze soll es auch geben.

Die Seestadt ist das ambitionierteste Bauprojekt seit der legendären Wohnbauoffensive des Roten Wien in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Ob es sich eines Tages damit messen kann?

Vorderhand gibt es vor allem Baukräne und halbfertige Rohbauten zu sehen. Was aus einer Stadt wird, weiß man erst, wenn Menschen in die Häuser eingezogen sind und sich allmählich zeigt, ob sie hier nur wohnen oder auch leben. Aber es könnte sein, dass die Sache ein Erfolg wird. Und das wäre wahrhaftig ein Grund zur Freude. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 24.4.2014)

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