Kapitalismus-Pioniere in Weißrussland

24. April 2014, 05:30
79 Postings

An Polens EU-Außengrenze blüht der Schmuggel. Von Großmüttern bis Studenten bessern zahlreiche Weißrussen ihre Kassen auf - oft die einzige Möglichkeit, sich finanziell abzusichern

Wenn die Schiebetür zum Bahnsteig aufgeht, stürmen sie los. Es sind nur wenige Meter, bis die Schmuggler den rot-weißen Regionalzug erreichen. Ihre Fußtritte hallen dumpf im leeren Bahnhofsgebäude. Einige Grenzbeamte stehen gelangweilt an den Enden des Zuges. Wer im Zug ankommt, macht sich daran, zahllose Zigarettenpackungen unter, über oder neben den Sitzen zu verstecken - ein Rennen um die Pole-Position.

In der weißrussischen Grenzstadt Hrodna gehört der Kampf um das beste Zigarettenversteck zum Stadtbild wie der Flusslauf der Memel oder die Lenin-Statue vor der Uni. Zweimal täglich rollt der "Schmugglerzug", wie er inoffiziell genannt wird, in Richtung Westen, über die EU-Außengrenze, nach Polen.

Ohne Visum

Manchmal ist auch Denis mit an Bord. Denis ist 24 Jahre alt, seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Er hat Geschichte studiert und arbeitet in einem Museum. "Wenn ich schmuggle, kann ich in wenigen Stunden rund 35 bis 60 Euro verdienen", sagt er. Gutes Geld bei einem Monatsgehalt von rund 160 Euro. 40 Zigarettenschachteln muss er dafür über die Grenze bringen.

Längst schmuggeln an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen nicht nur Großmütter, die ihre Pension aufbessern müssen. Am Bahnhof tummeln sich Studenten und junge Erwachsene. Sie schieben Zigaretten, Alkohol und Benzin nach Polen. Zurück bringen sie westliche Textilien, die in Polen billiger zu haben sind.

Ein Visum brauchen viele Bewohner von Hrodna nicht. Wer nachweisen kann, dass er polnische Vorfahren hat, bekommt die "Polen-Karte" und kann visumfrei einreisen. Laut offiziellen Angaben ist hier fast jeder vierte Bewohner ein ethnischer Pole.

Das spiegelt die wechselhafte Geschichte der Region wider: Jahrhundertelang war Hrodna ein Knotenpunkt im Großfürstentum Polen-Litauen; nach der dritten polnischen Teilung 1795 fiel sie an das russische Zarenreich. 1919 bis 1939 gehörte Hrodna zu Polen, Stalin verleibte die Gegend der Sowjetunion ein.

Ganze Familien aktiv

Für viele in Hrodna ist das illegale Geschäft die einzige Chance, um auf einen Verdienst von 350 bis 500 Euro zu kommen. Oft sind es ganze Familien, die Positionen entlang der "Wertschöpfungskette" besetzen - vom Schmuggler bis zur Händlerin. Laut Schätzungen soll jeder vierte Weißrusse in der Schattenwirtschaft arbeiten.

Der Schmuggel hat den Unternehmergeist in Hrodna beflügelt, wie man allerorten hört: Viele sparen sich ein Startkapital zusammen, um sich später selbstständig zu machen. Zumindest im Einzelhandel und in der Gastronomie sind in Weißrussland - der letzten Planwirtschaft Europas - mittlerweile private Initiativen möglich, Kredite aber teuer. Während der Währungskrise 2011, als Devisen knapp wurden, haben sich viele an die Schmuggler gewandt.

"Eine Chance, keine Barriere"

Mit ein Grund, warum der tschechische Soziologe Jakub Grygar von den Schmugglern gerne als den "Pionieren des Kapitalismus" spricht. "Für sie ist die EU-Außengrenze eine Chance und keine Barriere", sagt Grygar. Auch für den Ökonomen Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche ist das "keine große Übertreibung": Die starke Monopolisierung hat dazu geführt, dass die Lebenskosten in Weißrussland hoch sind, Kleidung und Elektronik aus Polen werden mit hohen Margen auf den Märkten verkauft.

Mit den Aufzeichnungen eines Schmugglers hat der Autor, Bürgerrechtler und Ex-Schmuggler Viktor Sassonow dem Phänomen im Jahr 2005 auch ein literarisches Denkmal gesetzt. Heute interessiert ihn das Thema aber nicht mehr: "Die romantische Phase ist vorbei. Jetzt herrscht Pragmatismus", lautet Sassonows trüber Befund.

In Pragmatismus hat sich zuletzt auch der weißrussische Präsident Aleksander Lukaschenko geübt. Eine 100-Dollar-Ausfuhrgebühr soll den Schmuggel eindämmen. Nach Protesten hat er den Vorschlag wieder fallengelassen. Der Schmuggel ist selbst für Lukaschenko "too big to fail". (Simone Brunner aus Hrodna, DER STANDARD, 24.4.2014)

  • Der Schmuggel zwischen Polen und Weißrussland geht in beide Richtungen - Kleidung ist etwa im EU-Land billiger.
    foto: maria preußmann

    Der Schmuggel zwischen Polen und Weißrussland geht in beide Richtungen - Kleidung ist etwa im EU-Land billiger.

  • Artikelbild
    grafik: der standard
Share if you care.