Ein Strohmann der Melancholie

23. April 2014, 18:01
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Zeitweise unstimmig: "Ivanov" am Schauspielhaus Graz

Graz - Ivanov, das Burnout-Opfer in Anton Tschechows gleichnamiger Tragödie (1887), stopft sich in Jan Jochymskis Grazer Inszenierung gleich zu Beginn büschelweise Stroh in die Hosen. Oben hinein beim Bund, dann auch in die Schuhe und am Ende ein schönes Sträußchen in den engen Hemdkragen. Sonst kratzt ihn, den einst mit einem Kopf voller Ideen aufs Land gezogenen Intellektuellen, nämlich nicht mehr viel. Sogar der nahende Tod seiner Frau Anna Petrowna scheint ihm einerlei zu sein; seine Lebensprojekte: allesamt gescheitert.

Ivanov gefiel sich früher einmal als aufgeklärter Sozialist, er ließ Schulen für Bauernkinder bauen, verfolgte visionäre Projekte, die allerdings all sein Geld und seinen Feuereifer gekostet haben. Sein Gut steht am Rand des Ruins. Sein verfinsterter Zustand hat also fundamentalere Gründe als die Midlife-Crisis eines müde gewordenen 35-Jährigen. Doch bei Tschechow ist das nicht ganz sicher.

Auch Marco Albrecht, der Grazer Ivanov, lässt einige Fragen offen. Seine schlanken Hüften schwingt er geschmeidig und milde lächelnd vor den Augen der anderen hin und her, raunt aber zugleich, er wäre "überspannt" und trüge Schwermut in sich - eine vage Behauptung, an die sich der Melancholiker bis zum unschönen Ende eisern klammert. Graf Schabelskij (lustig: Jan Thümer) ist sein lebensfroher Antipode.

Jan Jochymski hat die Regie kurzfristig von Anna Badora, der designierten Volkstheaterdirektorin, übernommen, eine Hauruck-Aktion, die an der Inszenierung erwartbare Spuren hinterließ: Unstimmig wirkt manches Zusammenspiel, Margarethe Tiesel erklärt als Frau Lebedev mit Trockenhaubenfrisur ihr Neureichendomizil gar zu einem Nestroy-Schauplatz.

Das klare, atmosphärisch starke Bühnenbild von Denise Heschl und Raimund Orfeo Voigt fängt die kippenden Stimmungen aber immer wieder gut auf: Einerseits begrenzt ein Schilfgürtel die Verlassenheit des Ivanov'schen Zuhauses; andererseits sorgt eine Wand aus üppig zusammengesteppten Perserteppichen für dicke Luft bei den Lebedevs. Deren aus der Art schlagende Tochter Sascha (famos: Katharina Klar) wirft sich als selbsterweckte Freidenkerin schließlich ihrem Ivanov in die Arme. Wie sehr man an Tschechow doch herumdoktern kann, zeigt die Rolle des Landarztes Jevgenij, der hier umstandslos zur Landärztin Jevgenija (Verena Lercher) wurde. Geht gut! (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 24.4.2014)

  • Ivanov (Marco Albrecht) zu Füßen von Sascha (Katharina Klar).

    Ivanov (Marco Albrecht) zu Füßen von Sascha (Katharina Klar).

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