Lebensrettende Fantasie

23. April 2014, 17:35
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Adolf Muschg, der im Mai seinen 80er feiert, liest am Donnerstag in Wien aus seinem neuen Essayband

Wien - Das Kunstwerk, schrieb Adolf Muschg 1994 in einem Essay, "tanzt auf genau der Stelle, wo uns nicht zu helfen ist (...). Sein Anfang ist immer da, wo alles aufhört." Ein Jahr zuvor hatte Muschg seinen 1000 Seiten umfassenden Parzival-Roman Der Rote Ritter vorgelegt, in dem er die Vorlage Wolfram von Eschenbachs (ca. 1170-1220) adaptierend den im Wald vaterlos aufgewachsenen "Dümmling" Parzival in die Welt hinausschickt, dem Heiligen Gral nachzujagen. Er wird ihn kriegen, allerdings erst, nachdem er im seelischen Sinne "ganz" ist, also seine Herkunft geklärt und Mitleiden gelernt hat. Am Ende wird es eine Frage sein, die dem auf Antworten versessenen Parzival den Gral einbringt. Sie lautet: "Onkel, was fehlt euch?"

Fragen, etwa nach dem "rechten Leben", nach dem "Einen, das nottut", hat auch der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, der am 13. Mai seinen 80. Geburtstag feiert, seit seinem Debüt, dem Japan-Roman Im Sommer des Hasen (1965), gestellt. Wobei er nie einen Zweifel daran ließ, dass Kunst für ihn mit Lebenskunst zu tun hat. In diesem Sinn geht es in Werk und Leben dieses Autors ums Ganze. Das sich laut Muschg im Bruchstückhaften deutlicher zeigt als in der summarischen Darstellung eines - vermeintlich - "großen" Ganzen. "Ein Ganzes", schreibt Muschg im eben erschienenen Band Im Erlebensfall mit Versuchen und Reden 2002- 2013, "zeigt sich nur in der Behandlung der Einzelheiten und in der Frage nach ihrem Zusammenhang mit jeder anderen Einzelheit."

Zahlreiche Details und Lebenssplitter verknüpft auch der Germanist Manfred Dierks in seinem ebenfalls neu erschienenen "biografischen Porträt" Adolf Muschg. Lebensrettende Phantasie. Wie oben erwähnter Band Im Erlebensfall erscheint auch dieses Buch bei C. H. Beck, wo Muschg, der aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit Ulla Berkéwicz nach 35 Jahren Suhrkamp verließ, eine neue verlegerische Heimat gefunden hat.

Dierks, ein exzellenter Muschg-Kenner, liefert einige produktive Lesarten des aus Romanen, Essay- und Erzählbänden sowie Theaterstücken bestehenden Werks. Der Mensch Muschg wird hingegen wenig plastisch. Vielleicht ist er dazu zu vielschichtig. Literaturprofessor an der ETH ist er gewesen, Lektor in Japan, den USA, dazu Präsident der Berliner Akademie der Künste.

"Vaterlandsloser Geselle"

Auch politisch hat sich Muschg, der in dritter Ehe mit einer Japanerin verheiratet ist, engagiert. Die Auseinandersetzungen des überzeugten Europäers, der sich nach der jüngst angenommenen Initiative für seine Landsleute schämt, mit dem rechtskonservativen Christoph Blocher von der Volkspartei sind legendär. Es gab Zeiten, da wurde Muschg auf Plakaten als vaterlandsloser Geselle beschimpft, die Post lieferte damals Fäkalien ins Haus.

Das Balancieren auf jenem über dem Bodenlosen schwankenden Seil der Kreativität, das Leben und Kunst verbindet, ist Muschgs Lebensthema geblieben - auch in seinen neuen Essays. Wie schwierig es war, auf dieses Seil zu gelangen, und wen und oder was es zu überwinden galt, beschrieb Muschg 1981 in seiner Poetikvorlesung mit dem Fragetitel Literatur als Therapie? Im schönsten, dem Band Im Erlebensfall statt eines Vorworts vorangestellten Essay über Velázquez' Gemälde Die Spinnerinnen nimmt Muschg nun all seine thematischen Fäden wieder auf. Um Verwandlung geht es in dem Text, um das Ver- und Entknüpfen und um Zeit, immer wieder um befristete oder gestundete Zeit. "Jedes große Kunstwerk ist ein gebrochenes Schweigen, das seine Erinnerung bewahrt", heißt es. Im besten Falle führe Kunst, so der Autor weiter, dorthin, wo nicht nur "gut geredet und besonnen gehandelt, sondern auch schön gelebt wird". Und Europa? Muschg sieht den Kontinent als Patienten, dem wenig fehlen würde. "Er hat nur ein Problem: Er weiß nicht, wer er ist." (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 24.4.2014)

Adolf Muschg liest am Donnerstag, 24.4., um 19 Uhr in der Hauptbücherei am Gürtel bei der Veranstaltung "Achtung: Die Schweiz" gemeinsam mit Dorothee Elmiger und Andreas Neeser.

  • Legendäre Auseinandersetzungen mit Christoph Blocher: Autor Adolf Muschg. 
    foto: epa/engeler

    Legendäre Auseinandersetzungen mit Christoph Blocher: Autor Adolf Muschg

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