Raben durchschauen Raben-Beziehungen

23. April 2014, 17:03
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Wiener Wissenschafter sprechen von geistigen Repräsentationen, wie man sie höchstens Menschenaffen zugetraut hätte

Wien - Kolkraben wissen nicht nur über die Beziehungen der verschiedenen Mitglieder ihrer eigenen Gruppe zueinander bescheid, sie kennen offenbar auch die Hierarchien in Nachbar-Gruppen, zu denen sie nachweislich lediglich Sicht- und Hörkontakt hatten. Darüber berichten Wiener Forscher in der Fachzeitschrift "Nature Communications". Bisher wurde diese Fähigkeit nur bei Menschenaffen angenommen.

Das Experiment ...

Kolkraben leben in unterschiedlichen sozialen Beziehungen: Neben Paarbildung und vewandtschaftlichen Beziehungen gibt es auch Freundschaftsbande sowie strikte Dominanzhierarchien. Um herauszufinden, ob die Tiere verstehen, wie die Beziehungen von Mitgliedern von Gruppen, denen sie selbst nicht angehören, gestaltet sind, spielten Wissenschafter vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien den Vögeln Tonaufnahmen anderer Raben vor.

Darauf waren Tiere zu hören, die in der Forschungsstation Haidlhof bei Bad Vöslau bereits über ein Jahr hinweg im jeweils angrenzenden Gehege in Hör- und Sichtweite untergebracht waren. Die Kognitionsbiologen um Jorg Massen und Thomas Bugnyar ließen die Vögel einerseits Aufnahmen anhören, in denen zwei ihrer Nachbarn entweder so miteinander interagieren, wie es aufgrund der Rangordnung in ihrer Gruppe zu erwarten wäre. Andererseits lauschten die Raben auch Unterhaltungen, in denen die hierarchischen Verhältnisse umgedreht waren, indem ein niederrangigeres plötzlich ein höherrangiges Tier dominierte.

... und seine Ergebnisse

Es zeigte sich, dass die Raben auf eine solche Rollenumkehrung mit verstärktem Erkundungs- und Stressverhalten reagierten. Die überraschten Tiere drehten ihre Köpfe öfters, schüttelten sich häufiger, was darauf schließen lasse, dass ihre Erwartung an die Dominanzverhältnisse erschüttert wurden, berichten die Forscher. Daraus folgern sie, dass Raben auf die Beziehungsstrukturen von Artgenossen rein auf der Basis von Beobachtungen schließen können.

Es handle sich hier um den ersten experimentellen Nachweis von tatsächlichen geistigen Repräsentationen von Beziehungen bei Tieren, erklärte Massen. Darunter versteht man, dass die Raben sich selbst und ihre eigenen Erfahrungen nicht als Referenz heranziehen können. Das Wissen über die Hierarchien unter ihren Nachbarn konnten sie nämlich nicht aus einer egozentrischen Perspektive heraus in jeder Situation neu ableiten. "Sie müssen wirklich eine Idee über die andere Gruppe und die Beziehungen in der Gruppe haben", so Massen.

Von Menschenaffen nehme man zwar an, dass sie dazu auch fähig sind, ein direkter experimenteller Nachweis sei allerdings schwierig und wurde auch noch nicht erbracht. "Was wir hier gemacht haben, war wirklich etwas Neues", so der Forscher. (APA/red, derStandard.at, 23. 4. 2014)

  • Kolkraben sind soziale Tiere - und wissen nicht nur über das Gefüge innerhalb ihrer eigenen Gruppe gut Bescheid.
    foto: jorg massen

    Kolkraben sind soziale Tiere - und wissen nicht nur über das Gefüge innerhalb ihrer eigenen Gruppe gut Bescheid.

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