Das geschnitten Brot der späten Jahre

23. April 2014, 17:25
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Nach 23 Jahren veröffentlicht die wegweisende US-Band Pixies ein neues Album: "Indie Cindy". Fürchtet euch nicht! Dem dämlichen Titel zum Trotz ist es ein solides Spätwerk geworden

Wien - Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Stimmt natürlich nicht immer. Manchmal reißt sie gar neue auf. Aber die US-Band Pixies hat mit der Zeit ein viel banaleres Problem. Sie ist nämlich vergangen. 23 Jahre lang ist Wasser die Flüsse runtergeflossen, seit sie ihr letztes Studioalbum Trompe Le Monde (1991) veröffentlicht haben. Das ist im Musikgeschäft eine noch größere Ewigkeit als bei uns Fußgängern des Lebens.

Nun veröffentlicht die wegweisende Formation aus Boston ein neues Album. Nach 23 Jahren. Es heißt Indie Cindy und erscheint am Freitag.

An den Pixies hängt der Terminus "legendär" wie das Kreuz am Papst. Als sie 1987 ihr Debüt Come on Pilgrim eingespielt hatten, läutete es eine Revolution ein. Das Quartett destillierte aus dem US-Post-Punk und ihrem Hang zu mitreißenden Melodien knackige Power-Pop-Songs. Die Texte von Frank Black waren durch den Wind, seine Riffs gleißend. Die Soli von Joey Santiago waren so schräg wie die Bügelfalte seiner Bundfaltenhose, Bass und Schlagzeug ließen die Mischung explodieren.

Diese Zutaten waren nicht neu, aber in dieser Mischung atemberaubend. So etwas hatte man bis dahin nicht gehört. Im Jahr darauf erschien Surfer Rosa und erfüllte alle Hoffnungen. Die Pixies waren keine geniale Eintagsfliege, die ihr Pulver bereits verschossen hatten. Aus ihrem Eck sollte noch mehr kommen, noch drei weitere Alben, bevor sie sich zerstritten auflösten. Das war 1993.

Hinterlassen hatten sie einen Katalog, aus dem fast alle Bands des Alternative Rock der 1990er schöpften. Von Nirvana abwärts wurde der Einfluss der Pixies als immens eingestuft. Womit? Mit Recht. Ja, und als David Fincher 1999 ihren Song Where Is My Mind? in seinem (buchstäblichen) Blockbuster Fight Club einsetzte, führte das zu einer ersten Renaissance der Band.

Die kommerzielle Ernte fuhr man jedoch erst im nächsten Jahrzehnt ein. In den Nullerjahren kam es zur Wiedervereinigung. Die Pixies spielten auf den größten Festivals und tourten seitdem immer wieder durch ausverkaufte Hallen. Und zwar mit ausschließlich altem Material.

Gute schlechte Scherze

Das wirkt trotz aller Zeitlosigkeit dieser Kunst ein wenig angegraut. Gut, wir werden alle nicht jünger, und die Nostalgie ist auch im Popzirkus längst ein den Markt mitbestimmender Aspekt - auf der Bühne und davor. Doch die Pixies, deren Mitglieder in der Pause eifrig in Bands wie den Breeders, Cracker oder als Solokünstler Alben veröffentlicht hatten, packte der Ehrgeiz. Nachdem im letzten Jahr drei EPs mit neuen Songs das Licht der Welt erblickt hatten, packte man diese nun als Album zusammen und nannte Letzteres Indie Cindy. Vielleicht hat man zu viel Trini Lopez gehört?

Gut, der Titel klingt wie ein schlechter Scherz, aber schlechte Scherze hat man den Pixies im ersten Leben schon nicht angekreidet. Im Gegenteil. Die erratischen bis null Sinn ergebenden Texte des bürgerlich Charles Michael Kittridge Thompson heißenden Sängers gelten als süffiger Mehrwert im Pixies-Mythos.

Aber so ein Spätwerk besitzt natürlich das Potenzial, das den guten Ruf begründende Werk anzupatzen. Das will niemand. Nicht die Band, nicht das Zeitzeugenpublikum. Aber es herrscht Skepsis, zumal, das weiß jeder, früher alles besser war.

Diesbezüglich darf man Entwarnung geben. Indie Cindy steht in einer Reihe mit seinen Vorläufern, ist der würdige Nachfolger von Trompe Le Monde. Die Band experimentiert nicht, sondern spielt entspannte bis hochenergetische Rocksongs: In Blue Eyed Hexe ist etwas herauszuhören, das schwer nach Nirvana klingt. Aber man muss sich nur kurz die Geschichte vor Augen halten und wer zuerst da war.

Greens and Blues fiele auf keinem Vorgänger negativ auf, Ring the Bell ist einer dieser sonnendurchfluteten Frühlingssongs, die nicht einmal des Sängers schweres Gemüt nach unten zieht. Auf ein, zwei Lieder wie Andro Queen hätte man verzichten können, aber das kann man bei fast jedem Album diagnostizieren.

Okay, Kim Deal fehlt. Das muss man der Höflichkeit halber feststellen. Sie war die Originalbassistin, aber auch nicht mehr. Sie ist keine Carol Kaye, war also immer relativ einfach zu ersetzen, aktuell von Jeremy Dubs, einem Freund gewordenen Fan der Band.

Dem dämlichen Titel zum Trotz ist Indie Cindy, was es ist: Pixies pur. Das sollte sich verkaufen wie geschnitten Brot. (Karl Fluch, DER STANDARD, 24.4.2014)

  • Frank Black (li.), David Lovering und Joey Santiago (re.) sind die Pixies. Als solche machen sie sich mit ihrem ersten Album in 23 Jahren keine Schande.
    foto: pias

    Frank Black (li.), David Lovering und Joey Santiago (re.) sind die Pixies. Als solche machen sie sich mit ihrem ersten Album in 23 Jahren keine Schande.

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