Wer entscheidet, was man sagen darf und was nicht?

Kommentar23. April 2014, 14:44
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Eine Frage, über die viel diskutiert und gestritten wird und die tatsächlich eine Antwort hat - sogar eine sehr einfache

Die Dramaturgie ist bekannt: Ein FPÖ-Mandatar lässt sich sprachlich wieder einmal in für Österreich nur semiakzeptablen Worten über bestimmte Menschengruppen aus. Und schwupp! Da haben wir sie wieder, die recht breite gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, was man sagen darf und was nicht. Ob es sich hier um "verbale Entgleisungen" handelt oder um eine bewusste Schiene, die die FPÖ zur Desensibilisierung für verachtende Begriffe fährt? Wie dem auch sei, es folgen wie herbeigepfiffen TV-Interviews, Live-Diskussionen und selbstredend Kommentare und Kolumnen, die sich mit den in Verruf geratenen Menschen und Wörtern beschäftigen.

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!"

Die medialen Erzeugnisse reproduzieren beleidigende Ausdrücke für Menschengruppen und verschleiern den Sensationalismus klug im Namen der kritischen Berichterstattung. Vermutlich hat Mölzer in seinem Leben das N-Wort noch nicht so oft ausgesprochen wie JournalistInnen in den letzten Wochen.

Manche Wörter sind in diesem medialen Diskurs um einiges unerträglicher als andere. Und nein, ich spreche nicht etwa vom N-Wort - seine Abscheulichkeit ist augenscheinlich und indiskutabel. Sie benötigt ihre Rechtfertigung nicht. Gemeint sind die unsäglichen Begriffe "Tugendterror", "Sprachpolizei", die Ächtung einer "Political Correctness" und der "Gutmenschen" ausdrücken.

So spottet man gehässig über Menschen, die sich für eine sensiblere Wortwahl einsetzen. Wenn diese sich zu rechtfertigen versuchen, schwingt man die "Nazikeule"-Keule und bezichtigt sie unbegründeter rassistischer Unterstellungen. Und so rennt der blinde Selbstläufer, den man hierzulande medialen Diskurs nennt. Dass dieser sich nur im Kreis dreht, liegt daran, dass der entscheidendste Faktor vernachlässigt wird: die Betroffenen.

Meistens diskutieren nämlich über diskriminierende Begriffe äußerst privilegierte Menschen: weiße, ältere, finanziell und sozial gut situierte Männer. Das bedeutet, dass die Diskriminierer darüber diskutieren, inwiefern und mit welchen Begriffen sie diskriminieren dürfen. An dieser Stelle ist daran zu erinnern, dass ein Fakt ist, dass gewisse Gruppen wie People of Color oder Roma und Sinti diskriminiert werden.

Betroffene bestimmen

Daraus lässt sich ganz einfach ableiten, dass darüber, welche Begriffe angemessen sind und welche nicht, einzig und allein die Betroffenen entscheiden. Es kann nicht sein, dass die Mehrheit über (geschützte) Minderheitenrechte verfügt. Salopp gesagt: Die Beleidigten entscheiden, ob ein Begriff beleidigend ist, ob er wehtut und abwertend ist oder nicht. (Olja Alvir, daStandard.at, 23.4.2014)

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