Kommerzpolitik und der politische Bio-Bauernhof

Kommentar der anderen22. April 2014, 18:34
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Auch wenn ein paar ungespritzte Österreicher durchaus ein Ama-Gütesiegel bekommen würden, mag sich der eine oder andere beizeiten fragen, was denn nun mit den Inhalten passiert sei

Der Kommerz, das ist in der Musik das, was der Kitsch in der Malerei bedeutet. In der Politik ist er hingegen nahezu unfassbar, ein Loch, in etwa jenes "Budgetloch", das die Regierung nach der Nationalratswahl entdeckt hat und welches sich nun als Hypo-Loch hyperbelhaft ausdehnt. Denkt man an jene Zahlenunmenge, die sich die Hypo-Abbaugesellschaft nun aufzeichnen muss, ist der Kommerz der Politik aber nicht versinnlicht.

Dafür braucht es eine Rückblende zum Nationalratswahlkampf 2013: Das "Budgetloch" war da bekanntlich noch Luft, zumindest hat es kein Politiker gesehen oder darüber gesprochen. Stattdessen ging es darum, "wieder Lust auf Politik zu machen", wie es Neos-Chef Strolz, nunmehr der umgefragt vertrauenswürdigste Politiker, formulierte.

Das ist der Kommerz der Politik, wenn Strolz behauptet, dass er was "von diesem Geschäft" versteht, und dabei die Politik meint, welche er "evidenzbasiert" betreiben will. Das ist der Kommerz der Kommunikation, denn "in Evidenz halten" ist zwar klassischer österreichischer Beamtenjargon, aber wenn etwa Fritz Neugebauer eine Sprechblase mit "evidenzbasiert" in die Luft halten würde, hätten alle wieder nur gelacht und "muffig" gesagt.

Das ist der "neue Stil", den auch die rot-schwarze Regierung nach der Wahl versuchte, bis das "Budgetloch" entdeckt wurde. Seither ist viel geschehen. Die Marke "Liberales Forum" ist ausgelaufen, Raider jetzt Twix. Im Wort "liberal" steckt ja "liber", also Buch, die erfolgreichen Neos haben ihre Buchstaben vor allem über jene bezeichnenden Sprechblasen, quasi tragbare Löcher verbucht.

"Achten Sie auf die Marke!" ist zum analytischen Imperativ geworden. Die Neos sind dabei das Original des Neuen, spitzenpolitisch bestehend vor allem aus Politikberatern und Marketinggenies. Geschäftsführer Thierry etwa hat Viktor Orbán politkommerziell beraten, obwohl er aus Protest gegen Schwarz-Blau aus der ÖVP ausgetreten ist, aber das muss ja kein Widerspruch sein. Es zählt das Kommunikationstalent.

Niko Alms Agentur Super Fi war hingegen im Wahlkampf verantwortlich für "Eva. Mädchenmagazin. Auch für Jungs". Der Kommerz liegt da ungefähr darin, dass Alm quasi der grüne "Touch" der pinken Neos ist, dem Grün für Jungs, auch wenn Pink eigentlich eine Rotvariante darstellt, der Sponsor und SPÖ-Konnex, Hans Peter Haselsteiner, aber eigentlich ein Schwarzer ist. Der Umstand, dass Alm als Neos-Tierschutzsprecher fungiert, kombiniert mit dem lobenswerten "Grünen"-Credo "Bio macht schön", ergibt die gereimte Gleichung des progressiven Kommerzes: Neo ist Bio.

Das O ist dabei nicht nur Loch wie das vom Budget, es kommt ur-freundlich rüber, macht "Bio" und "Bobo", während ein "Ein bissl bi schadet nie", "Bi Bi Bi", "Bildung", "Bipa" macht. Analytisch notwendig ist hierbei die Darstellung eines politischen Bio-Bauernhofs.

Dort züchtet der "Gärtner des Lebens", Matthias Strolz, politische Markenware, macht Yoga und Zapfen-Taschenspielertricks, beschwert sich über den "Stillstand" des Traktors, weil das Feld händisch mittels Sprechblasen bestellt werden muss. Dann spannt er seine Flügel zum bildungspolitischen Vogerltanz, mit dem er das Schulwesen privatisieren will, grob gesehen eine Differenzierung in Meinl-am-Graben-Schule und eine der Caritas.

Das grüne Testimonial Eva war ganz real in einer religiös anmutenden Szene zu sehen, unter inhaltlicher Verantwortung des Ex-Caritas-, jetzt Grünen-Generalsekretärs Wallner. Paradiesaugen leuchteten da für eine bessere Zukunft, Eva hielt sich Paradeiser vor die Augen, und das ist keine rosa Brille, denn pinke Paradeiser sind ja nicht "bio".

Seltsam war jedenfalls das Geständnis von Dr. Glawischnig, das eigene Parteiprogramm nicht an allen Stellen zu kennen, obwohl es mit 170 Seiten nicht einmal Dissertationslänge hat. Am grünen Bio-Bauernhof geht es dafür pädagogisch wertvoll zu, denn in der Welt der Kinder muss man Verbote nicht so schlimm rechtfertigen. Szene eines realen Videos: Eva schimpft mit Strache auf dem Hutschpferd.

Vergleich: "Ja! Natürlich"-Bauer schimpft mit "Ja! Natürlich" -Schweinchen (keine Werbung), Eva schimpft mit Lamm Gottes (Strache?). Strache wäre im Bio-Kontext natürlich kein Lercherl, denn sein Biologismus von den "echten" Österreichern, welche seiner "Nächstenliebe" bedürfig sind, ist historisch gesehen die ideologische Basis des Dritten Reichs. Er würde wohl vom ungespritzten Österreicher fantasieren, mit Ama-Gütesiegel, weil das sind sicher keine "G'spritzten".

Ein anderer Kommerzbauer dient hier als Verweis, dass es der österreichischen Politik auch darum geht "Weltgeschichte" zu schreiben. Frank Stronachs Warnungen, das, "wenn die Chinesen kommen", die österreichische Neutralität nichts wert wäre, passen gut zu seinem proklamierten American Dream. Der Bio-Bauernhof könnte mit Stronachs traumhaft-vergoldeter Statue von sich selbst so nicht bloß allegorisch bereichert werden.

Kanzler Faymann ist da "mit sicherer Hand" auch von großer Bedeutung. Diese Assoziationen des Kurshaltens betreffen ja leider nicht die Börsenkurse, sondern fungieren auf der Landkarte des Neurolinguistischen Programmierens (NLP), ein Luftlenken, welches am Bio-Bauernhof aber bloß an das Ausmisten des Stalls gemahnen würde, neustilistische Hightech-Rhetorik, welche nicht nur Neos, vulgo Neuros, so glänzend beherrschen.

Gott sei Dank ist Vizekanzler Spindelegger da fast ein NLP-Held in Sachen Transparenz, etwa in der ORF-Wahldebatte, vor der ihm vermutlich der Mandelkern zu stark massiert wurde. Schade, dass der grafikversessene ORF keinen Livescan von Spindeleggers Hirnströmen mitlieferte, als er die Wirtschaft im Stile des politischen Kommerzes entfesselte.

Übrig bleibt ein Bio-Populismus. Denn jeder, der sich "Bio" leisten kann, kann es sich ja kaufen. Das ist die brotlose Bio-Kunst dieser Politik, die Rechnung, dass, wenn einer 100 Prozent "Bio" kauft, die Welt um 0,xhochx1 Prozent mehr "bio" wird. Stattdessen bräuchte es, im Gegenzug zum Kioto-Zertifikate-Ablasshandel, Bio-Zertifikate ganzer Staaten.

Denn neben dem verfressen-freiheitlichen Hypo-Nilpferd sind, weltpolitisch gesehen, noch immer ausgehungerte "Negerkonglomerate" zu versorgen, und nicht bloß geschasste Mölzers. Aber die EU kann da ja leider nichts machen. (Uwe Matuscka-Eisenstein, DER STANDARD, 23.4.2014)

Uwe Matuschka-Eisenstein ist Autor und Essayist. Soeben fertiggestellt ist sein Antikriegsroman "Angriff und Begriff".

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