Warum den Druiden die Mistel heilig ist

25. April 2014, 18:22
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Viele Mythen und Missverständnisse ranken sich um den Kult der Kelten - Was es mit den Druiden auf sich hat, ergründet der Wiener Keltologe Helmut Birkhan in einem neuen Buch

Der berühmte englische Aufklärer David Hume hatte keine besonders gute Meinung von den keltischen Intellektuellen. "Keine Art des Aberglaubens war schrecklicher als die der Druiden", schrieb Hume 1761. Dabei hatte er es gar nicht im strengen Sinn mit Druiden zu tun, sondern mit einem Phänomen von Renaissance.

Just zu einer Zeit, da sich in ganz Europa rationalistische Strömungen in Philosophie und breiterer Öffentlichkeit bemerkbar zu machen begannen, erwachte auch das Interesse an alten Völkern und Traditionen neu. Und so begannen sich auch Leute zu fragen, ob denn die Druiden nicht über ein besonderes Wissen verfügt haben könnten, eines, das auch den modernen Menschen noch von Nutzen sein könnte. Seither hat das Interesse an den Kelten nicht mehr nachgelassen, auch wenn es vielfach mit den Erkenntnissen der Wissenschaft nicht viel zu tun hat.

Helmut Birkhan, emeritierter Spezialist der Keltologie und zahlreicher angrenzender Sprachen und Disziplinen von der Universität Wien, hat nun mit einem neuen Buch versucht, sich noch einmal spezifisch mit Keltenwissen in seiner Esoterik zu beschäftigen: Der Titel Geheimwissen der Kelten vermeidet wohl mit Bedacht den belasteten Begriff, doch in der Sache geht es genau darum.

Esoterik bedeutet ein Wissen, das sich nur "von innen" erschließt. Kann man als Wissenschafter also überhaupt seriös an diese Themen heran? Birkhan verwendet dafür den Begriff einer "objektiven Esoterik" und hat einen berühmten Kronzeugen dafür: Gaius Julius Caesar, um dessen Buch über den Gallischen Krieg man im Lateinunterricht lange Zeit nicht herumkam.

Der Zeuge Caesar

"Caesar ist ein ganz wichtiger Zeuge", erläutert Birkhan in einem Gespräch mit dem Standard, "weil für ihn die Keltenesoterik ein Objekt seiner Neugier ist. Aber auch als Feldherr musste er mit dem Widerstand der Druiden rechnen. Er behandelt das wie einen Gegenstand, über den er staunt. Druiden sind die Subjekte dieser Esoterik, die uns aus den Quellen nur sehr vermittelt zugänglich ist. Man könnte das mit dem christlichen Altarssakrament vergleichen, ein "mysterium fidei", das von außen rätselhaft bleibt: Warum schlucken da Menschen eine geschmacklose Scheibe?" Auf die Kelten umgelegt, würde eine analoge Frage lauten: Warum ist den Druiden die Mistel heilig? In dieser Angelegenheit gibt es eine Verbindung zwischen sehr populären Geschichten (den Asterix-Heften) und alten Zeugnissen, von denen das berühmteste in einer der Naturgeschichten des Plinius steht: Druiden suchen Eichenhaine, und vollziehen keine heilige Handlung ohne das entsprechende Laub.

Botanik und Identität

Um das Niveau zu ermessen, auf dem die Wissenschaft diese Fragen diskutiert, muss man auch ein bisschen in die Botanik abschweifen. Denn Birkhan hält hier dem von ihm sehr geschätzten Kollegen, dem Altphilologen Andreas Hofeneder, entgegen, dass Plinius die Nordische Mistel (Viscum album) mit der Eichenmistel (Loranthus europaeus) zusammenfasst - wie es auch der Dichter Vergil tut, von dem dem das überlieferungsgeschichtlich wichtige Motiv vom "goldenen Zweig" stammt.

Das Pflanzenwissen oder auch der Reinkarnationsglaube sind Aspekte, in denen die Druidenreligion für heuti- ges Interesse anschlussfähig wird. Wie war es aber zu Zeiten Caesars? Was war denn das Interesse der Druiden, ein Geheimwissen zu kultivieren? Wollten sie auf diese Weise in der politischen Situation einer Kolonisierung so etwas wie "nationale" Identität bewahren?

Helmut Birkhan gibt darauf eine Antwort, die, wie so oft angesichts komplexer Quellenlagen, in zwei Richtungen weist: "Sie haben auf jeden Fall gegenüber den Römern dichtgehalten, vermutlich auch gegenüber den Germanen. Wir dürfen nicht vergessen: Gallien war im 3. Jahrhundert eine romanisierte Provinz mit minimalen keltischen Resten." Das legt die Kultivierung von Geheimwissen nahe. Doch Birkhan ergänzt: "Man sieht im irischen Recht, dass die Druiden und die Könige die einzigen zwischen den Stämmen anerkannten Persönlichkeiten sind. Bei Caesar wird das nicht erwähnt, aber Druiden könnten tatsächlich von Stamm zu Stamm gereist sein. Die Druiden waren oberhalb der Stammesebene angesiedelt, sie waren intertribal, überregional, international", sodass sich hier ein Funktionstypus andeutet, der wiederum deutlich zwischen Esoterik und Exoterik angesiedelt ist.

Wer sich von dem Buch mit seinem attraktiven Begriff Geheimwissen im Titel eine Art Wissenschaftskrimi erwartet, wird belohnt, allerdings nur um den Preis, dass letzte Gewissheiten oft nicht zu haben sind, zum Beispiel bei der Diskussion um den sogenannten Gundestrup-Kessel.

Mysteriöser Kessel

"Das ist ein Kessel aus Silber, der in Dänemark zerlegt gefunden wurde. Er stammt aber aus Thrakien im heutigen Serbien. Wie der Kessel nach Skandinavien kam, ist unbekannt, vielleicht bei den sogenannten Kimbernzügen. Wir sehen auf dem Kessel eine rätselhafte Darstellung. Krieger ziehen in langer Reihe heran, in der oberen Bildhälfte reiten Krieger weg. Sie haben Sporen, die sehr wichtig für die Datierung sind, denn sie kamen erst im ersten vorchristlichen Jahrhundert auf. Dazu sieht man einen offenbar bezopften Mann, der einen kleineren irgendwo hineinschiebt", beschreibt Birkhan diesen für seine Disziplin so wichtigen Gegenstand. "Für mich ist es eine Art Erdspalt, er stellt die Vulva dar. Wir sehen eine Initiation, die Erde als Uterus, danach ist man beritten. Ist dieser Mann ein Druide? Wer verstand dieses Ritual? Da kann man sehr schön zeigen, wie abgestuft der Begriff des Geheimwissens sein kann."

Es zählt zu den vielen Missverständnissen rund um die Kelten, dass der 1891 ausgegrabene Gundestrup-Kessel in Gold nachgegossen wurde. 2001 wurde dieser im Chiemsee gefunden, worauf sich sofort Nazi-Legenden darum bildeten. Ein Geschäftemacher versuchte sogar, ihn als Heiligen Gral zu vermarkten.

Für einen Wissenschafter wie Birkhan stellt sich aber mit der Darstellung auf dem Kessel eine ähnlich anspruchsvolle Aufgabe, wie es etwa der Parthenon-Fries, bezüglich dessen kürzlich wieder eine ambitionierte Neudeutung erschien, für die Altertumswissenschafter darstellt. Mit dem Phänomen von "Initiationen" dürfte zweifellos auch die anhaltende Attraktion des Keltischen zu tun haben, auch wenn nach der Lektüre des Buches niemand mehr auf einen Merlin warten wird, der den Schlüssel zu verschüttetem Wissen mitbringt. Nebenbei lernt man in der Keltologie übrigens auch, sich einen gewissen Humor zu bewahren. Denn bei so manchem Problem hat man es, so Helmut Birkhan, vielleicht auch einfach nur mit "einer krausen Spinnerei irischer Gelehrter" zu tun. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 23.4.2014)

  • Der Druide, die wichtigste Person des Kultpersonals der keltischen Religion: Sein geheimes Wissen um Pflanzen und Reinkarnation facht bis heute das oft esoterische Interesse an den Kelten an. Hier eine Darstellung aus dem Jahr 1815 von Charles Hamilton Smith nach Piggott.
    illu.: matrixverlag

    Der Druide, die wichtigste Person des Kultpersonals der keltischen Religion: Sein geheimes Wissen um Pflanzen und Reinkarnation facht bis heute das oft esoterische Interesse an den Kelten an. Hier eine Darstellung aus dem Jahr 1815 von Charles Hamilton Smith nach Piggott.

  • Helmut Birkhan: "Die Druiden waren oberhalb der Stammesebene angesiedelt, sie waren international."
    foto: standard/corn

    Helmut Birkhan: "Die Druiden waren oberhalb der Stammesebene angesiedelt, sie waren international."

  • Helmut Birkhan: "Geheimwissen der Kelten". Marix-Verlag 2014, 256 S., 5 Euro
Die Druiden waren oberhalb der Stammesebene angesiedelt, sie waren international.
    cover: matrixverlag

    Helmut Birkhan: "Geheimwissen der Kelten". Marix-Verlag 2014, 256 S., 5 Euro

    Die Druiden waren oberhalb der Stammesebene angesiedelt, sie waren international.

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