Georg Dunekamp: "Es gibt Wohnungen, in denen erschrecke ich"

Interview30. April 2014, 18:04
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Open Haus fragte, ob man über Geschmack streiten kann, worin sich Männer und Frauen in Einrichtungsfragen unterscheiden und ob es einen österreichischen Geschmack gibt

STANDARD: Wozu braucht man einen Einrichtungsberater? Weiß man nicht selbst am besten, was einem gefällt?

Georg Dunekamp: Vielen Menschen fehlt bezüglich Einrichtung die Orientierung. Jemand sucht zum Beispiel einen schönen Schreibtisch, findet aber keinen. Dafür gibt es uns. Wir bieten aber auch Komplettlösungen für ganze Wohnungen oder Häuser an. Der Trend geht zu Letzterem. Das reicht bis zur Auswahl des Bestecks für die Küchenlade.

STANDARD: Aber in Sachen Kleidung wissen die Menschen doch auch selbst, was sie kaufen wollen.

Dunekamp: Es gibt auch im Bereich der Mode viele Leute, die sich beraten lassen. Ich kenne eine Modeberaterin, die sehr viel zu tun hat.

STANDARD: Welche Rolle spielt diesbezüglich Zeit? Haben Ihre Kunden mehr Geld, dafür aber weniger Zeit?

Dunekamp: Absolut. Zeit ist ein wichtiger Faktor. Viele unserer Kunden denken sich auch: "Schuster, bleib bei deinem Leisten." Da gibt's Anwälte, Finanzberater, die einfach weder die Zeit noch die Lust haben, sich mit Einrichtung zu beschäftigen.

STANDARD: Gibt's eine typische Klientel in Ihrem Business?

Dunekamp: Gar nicht. Wir haben Inländer, Ausländer, gemischte Ehen, alles Mögliche.

STANDARD: Und wenn wir vom sozialen Background sprechen?

Dunekamp: Das fängt bei der Mittelschicht an und reicht bis zu den oberen zehntausend.

STANDARD: Welche Unterschiede gibt's zwischen Männern und Frauen, wenn es darum geht, sich einzurichten?

Dunekamp: Männer fällen in der Regel schneller eine Entscheidung.

STANDARD: Weil ihnen die Einrichtung nicht so wichtig ist?

Dunekamp: Ich glaube, Männer denken sich bei uns eher: "Der wird schon wissen, was er tut, passt schon." Frauen sind kritischer, setzen sich zum Beispiel auch intensiver mit Farben auseinander.

STANDARD: Kann man über Geschmack nicht wunderbar streiten?

Dunekamp: Überhaupt nicht. Kritisch wird es für mich allerdings, wenn eine Einrichtung überhaupt nicht zu einer Persönlichkeit passt. Es gibt Wohnungen, in denen erschrecke ich richtig.

STANDARD: Zum Beispiel?

Dunekamp: Ich spreche von Wohnungen, die scheinen 1:1 einem Hochglanzmagazin entsprungen zu sein.

STANDARD: Aber gerade in solchen Heften findet man auch sehr feine Bleiben.

Dunekamp: Klar gibt es auch schöne Dinge, aber blättern Sie einmal das Home -Magazin durch. Da kommt vieles so extrem steril herüber. So wohnt man doch nicht. Da geht es um Menschen, die sich nichts trauen. Die stellen drei Klassiker rein, ferner sind die Materialien und Flächen extrem kühl. Das ist für mich kein gelebtes Wohnen.

STANDARD: Welche Rolle spielt Diskretion in Ihrem Job?

Dunekamp: Eine relativ große. Wir sind auch sehr froh, dass die Kunden in unserem Studio in der Weihburggasse nicht in der Auslage sitzen. Unsere Kundenliste reicht von sehr reichen, prominenten Österreichern bis hin zu Königshäusern, es gibt auch russische Kundschaft, die nicht genannt werden will.

STANDARD: Eine Geschichte könnten Sie schon erzählen. Wir lassen einfach den Namen weg.

Eines Tages kam eine sehr hübsche Dame, Mitte 30, im Trainingsanzug ins Geschäft, hat sich umgesehen und wollte dieses und jenes wissen. Das passiert öfter, viele kommen dann auch einfach nicht mehr. Diese schon. Nach Wochen stand sie also wieder da und erzählte, sie habe nun endlich ein Haus in Wien gefunden, das sie mieten möchte. Sie fragte, ob ich einmal vorbeischauen könnte. Sie gab mir eine Karte, auf der irgendein Name stand. Ich fuhr also in den 19. Bezirk, und da standen lauter Leibwächter vor besagtem Haus. Ich zeigte den Bodyguards die Karte, worauf diese meinten: "Die Königliche Hoheit lässt bitten." Mehr sag ich dazu nicht.

STANDARD: Interior-Beratung ist in den USA, Frankreich oder England längst etabliert. Warum nicht in Österreich?

Dunekamp: Vielleicht war das einfach der Bruch nach Koloman Moser, Josef Hoffmann etc. Das waren ja gewissermaßen auch Interior-Designer. Danach war es aus. Vielleicht weil Österreich lang am Rande klebte. Ich weiß es nicht. Vielleicht auch, weil es hierzulande nicht so viele Designer gibt. Ferner glaube ich, dass der Österreicher in der Regel nicht wirklich bereit ist, für Einrichtungsberatung Geld auszugeben. Eine Kundschaft wollte neue Vorhänge, ich fuhr zu ihr hin, und dann hat sie es sich doch anders überlegt. Sie meinte, die Vorhänge seien doch eh erst 40 Jahre alt, und Mottenlöcher wären auch keine darin.

STANDARD: Glauben Sie, dass sich das ändern wird?

Dunekamp: Das hat sich schon geändert, zumindest in Wien. Sonst gäbe es uns ja nicht. Und wir sind ja auch nicht allein. Wobei der Konkurrenzdruck in London oder Paris sicher ein ganz anderer ist.

STANDARD: Aber eben auch die Klientel.

Dunekamp: Ja, und vor allem nehmen dort auch Menschen Leistungen wie unsere in Anspruch, die nicht so betucht sind. Da kommen auch Kunden, die vielleicht nur eine 70 Quadratmeter große Wohnung haben.

STANDARD: Gibt es so etwas wie einen österreichischen Geschmack?

Dunekamp: Gerade in Wien und in Salzburg ist nach wie vor das Biedermeierliche vorhanden. Mir kommt vor, in diesen Städten hat jeder eine Biedermeier-Kommode oder einen Tabernakel-Schrank, den man zeigen will. Österreich ist nicht so weltoffen im Geschmack, das liegt wahrscheinlich daran, dass es ein Binnenland ist und auch nie wirklich Kolonien hatte. Dieser Einfluss fehlt.

STANDARD: Was hat sich in Sachen Wohnen in den letzten Jahren verändert?

Dunekamp: Wie in der Mode sind Accessoires immer wichtiger geworden. Die saisonale und trendige Dekoration hat zugenommen. Ich persönlich bin eher für das Langfristige.

STANDARD: Die perfekte Wohnung gibt es wahrscheinlich nicht. Ab einem gewissen Punkt muss man vor allem aus finanziellen Gründen Abstriche machen. Wo beginnen Ihre Kunden zu sparen?

Dunekamp: Beim Material. Manche Kunden sagen: "Gut, nehm ich halt keinen handgeknüpften Teppich, kein Tropenholz, sondern Eiche, Baumwolle statt Seide." Man kann immer Kompromisse finden, die aber auch gut aussehen.

STANDARD: Apropos sparen: Was kostet es denn, wenn ich Sie engagieren würde?

Dunekamp: Die Erstberatung kostet gar nichts. Wenn wir merken, dass es für beide nicht passt, dann schicken wir Kunden auch zu Mitbewerbern. Das kommt auch vor. Zum Beispiel, wenn wir nicht jene Produkte haben, nach denen der Kunde sucht. Manchmal passt es auch menschlich nicht, oder finanziell.

STANDARD: Nun, was kostet es also?

Dunekamp: Das kann man nicht wirklich sagen. Wir haben Kunden, die kaufen bei uns nur fünf Meter Stoff für einen Vorhang, und es gibt Kunden, deren Villa in Wien, deren Haus am Wörthersee und deren Chalet in Kitzbühel wir auch noch einrichten. Wenn das solche Ausmaße annimmt, dann kostet das im Prinzip nichts, weil wir ja vom Umsatz leben, den wir mit dem Verkauf der Produkte machen. Für den Service des Einrichtens verlangen wir kein Honorar. Wenn wir einen Gärtner beauftragen müssen oder uns auf die Suche nach irgendeinem antiken Teppich machen, dann kostet das allerdings schon extra.

STANDARD: Laufen Sie eigentlich nicht Gefahr, dem Kunden Ihren Geschmack aufzudrücken?

Dunekamp: Klar haben wir hier Präferenzen. Wir sehen uns im Bereich "contemporary modern", das reicht von klassisch bis modern.

STANDARD: Ich meinte, ob eine Wohnung, wenn sie fertig eingerichtet ist, nicht so aussieht, wie Sie es wollen?

Dunekamp: Zu 80 Prozent nein, denn wir entwickeln das Projekt in den meisten Fällen mit dem Kunden zusammen und feilen es nach den individuellen Bedürfnissen aus.

STANDARD: Was sind die größten Fehler, die Menschen beim Einrichten begehen?

Dunekamp: Einfach formuliert: Manche Leute glauben, die Kunst muss zum Vorhang passen. Schlimm ist es, wenn Menschen keine Brüche zulassen können.

STANDARD: Wie sind Sie persönlich eingerichtet?

Dunekamp: Bei mir herrscht eine sehr persönliche Note. Man findet sehr viele Fund- und Erbstücke, ferner findet man Möbel aus allen Epochen, kreuz und quer. Gutes Design kann man auch sehr gut mixen.

STANDARD: Wann waren Sie zuletzt bei Ikea?

Dunekamp: Das war vor fünf Jahren in Berlin, da habe ich eine kleine Wohnung, für die ich Geschirrtücher brauchte. (Michael Hausenblas, Open Haus, DER STANDARD, 30.4.2014)

Georg Dunekamp und sein Geschäftspartner Robert Ludl haben sich 2002 beim Wiener Franziskanerplatz mit ihrem Showroom "Weihburg Interiors" mit internationalen Markennamen niedergelassen. Weihburggasse 14, 1010 Wien, weihburg.com.

  • Einrichtungs-Auskenner Georg Dunekamp bemängelt am österreichischen Geschmack einen gewissen Mangel an Weltoffenheit.
    foto: alexander@chitsazan.com cargocollective.com/chitsazan

    Einrichtungs-Auskenner Georg Dunekamp bemängelt am österreichischen Geschmack einen gewissen Mangel an Weltoffenheit.

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