Wir legen hier ganz schön viele Kilometer zurück

7. Mai 2014, 05:30
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Heini Staudinger, Geschäftsführer der Waldviertler Schuhwerkstatt, hat in seiner Schremser Fabrik zwar keine eigene Küche, aber dafür viele, viele Wohnzimmer

"Meine Eltern hatten früher eine Greißlerei. Von unserem Wohnzimmer ist eine Tür ins Schlafzimmer gegangen und eine direkt ins Geschäft. Da gab es nie eine Trennung, denn wenn es sich ergeben hat, wurden am Samstag um Mitternacht immer noch Wurst und Käse verkauft. In der Firma zu wohnen ist mir also in Fleisch und Blut übergegangen. Und das ist hier nicht anders. Ich wohne direkt in der Schuhfabrik, genauer gesagt in den Nebenräumen und Lagerhallen im Haupthaus.

Errichtet wurden die Gebäude in den 1950er- und 1960er-Jahren. Früher war das eine Drahtzieherei, in der Federkerne für Matratzen hergestellt wurden. Zuletzt stand das Ensemble jahrelang leer. 1994, als ich von Wien nach Schrems gezogen bin und den Betrieb Waldviertler Schuhe übernommen habe, war klar, dass wir neue Produktionsflächen brauchen. Also habe ich das Grundstück gekauft, ein bissl was in die Sanierung investiert, und so ist das Werk nach und nach von zwölf auf über 170 Mitarbeiter gewachsen.

Eine eigene Wohnung hatte ich all die 20 Jahre, die ich nun in Schrems lebe, noch nie. Fehlt mir auch nicht. Stattdessen hab ich eine WG mit 170 Mitbewohnern. An manchen Tagen ist auch meine Lebensgefährtin Sylvia Kislinger da. Noch besser! Und inzwischen hat die WG fast 7000 Quadratmeter. Unser Headquarter ist dieses Wohn-Koch-Arbeitszimmer, in dem sich mittlerweile allerhand Zeug angesammelt hat. Schlafen tu ich nebenan im Lager. Und wenn uns mal nach Wohnzimmer, also Kuscheln und gemütlichem Beisammensitzen ist, dann gehen wir rauf in den ersten Stock. Da ist unser Schauraum mit all den Gea-Möbeln, die wir hier produzieren. Da haben wir nicht nur ein Wohnzimmer, sondern gleich eine ganze Auswahl an Wohnsituationen!

Pro Tag legen wir hier ganz schön viele Kilometer zurück. Das muss man erst einmal erhatschen! Andererseits haben wir keinen Arbeitsweg, denn Wohnen und Arbeiten ist geografisch betrachtet sozusagen deckungsgleich. Wenn Sylvia und ich einander suchen, was aufgrund der großen Größe so gut wie permanent der Fall ist, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir vermuten, wo sich der andere gerade aufhält, und folgen unserer Intuition. Und wenn diese Methode versagt, was ehrlich gesagt recht oft der Fall ist, dann greifen wir zum Handy und rufen uns an. Das ist zuverlässiger.

Natürlich ist die Vermischung zwischen Wohnen und Arbeiten nicht immer angenehm. Manchmal reicht's mir, und dann pick ich ein riesengroßes Plakat an die Tür unseres Küchenheadquarters: "Bitte nicht stören!" Dann bin ich allein. Allein mit diesem geilen Duft von Schuhkleber und Schuhpaste. Für mich persönlich ist das ja einer der besten Gerüche der Welt. Früher wurde die ganze Anlage hier mit Öl und Gas geheizt. Die Heizkosten haben 35.000 Euro pro Jahr betragen. Ein Wahnsinn. Vor ein paar Jahren haben wir die Fabrik mit Steinwolle, Schafswolle und Stroh gedämmt und die Heizung auf Holz umgestellt. Jetzt zahlen wir nur noch 15.000 Euro - weniger als die Hälfte. Wir haben eine thermische Solaranlage, mit der wir unser Warmwasser produzieren. Und außerdem haben wir mit 400 Kilowatt Leistung die größte Photovoltaikanlage im ganzen Waldviertel. Die Sonne liefert uns doppelt so viel Strom, wie wir in diesem Werk pro Jahr brauchen. Der Rest wird ins öffentliche Netz eingespeist. Errichtet haben wir die Anlage über ein Beteiligungssystem. Die Kunden haben uns Sonnengutscheine im Wert von 200 Euro gegeben. Wir haben uns daraufhin mit Warengutscheinen im Wert von 300 Euro revanchiert.

Mein Projekt für die kommenden Jahre ist, den Schremser Hauptplatz wiederzubeleben. Ich will Handwerker ansiedeln, unser altes Restaurant wiedereröffnen, eine Taschenwerkstatt einrichten und eine Schuhreparatur-Akademie mit Berufsausbildung aufbauen. All das soll im Ortskern passieren. Außerdem gehört uns das Hotel Post mit circa 50 Zimmern, das wir für unsere Seminarwochenenden nutzen. Und direkt neben dem Hotel gibt es eine Baulücke, in der ich ein Wohnhaus mit Coworking-Places und einer Senioren-WG errichten will. Eines Tages, wenn ich alt bin, also so richtig alt, will ich dann dort mit Freundinnen und Freunden wohnen, so lange, bis ich tot umfall." (Wojciech Czaja, Open Haus, DER STANDARD, 30.4.2014)

Heini Staudinger, 1953 in Vöcklabruck geboren, studierte Medizin und begann 1980 mit dem Verkauf von Schuhen. 1994 übernahm er den vollkommen verschuldeten Betrieb Waldviertler Schuhe in Schrems. Heute leitet er 170 Mitarbeiter, produziert Schuhe und Möbel und exportiert nach ganz Europa. Gemeinsam mit Sylvia Kislinger, geboren 1963 in Graz, gibt er die Zeitschrift "Brennstoff" heraus. 2012 machte er auf sich aufmerksam, weil er sein Unternehmen mit privaten Krediten finanziert hatte, was die Finanzmarktaufsicht nicht goutierte und ihn daraufhin klagte.

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  • Heini Staudinger und seine Lebensgefährtin Sylvia Kislinger leben in einer 7000 Quadratmeter großen WG mit 170 Mitbewohnern, wie sie selbst sagen.
    foto: lisi specht

    Heini Staudinger und seine Lebensgefährtin Sylvia Kislinger leben in einer 7000 Quadratmeter großen WG mit 170 Mitbewohnern, wie sie selbst sagen.

  • Gewohnt wird in der ganzen Schuhfabrik. Als Wohnzimmer muss bisweilen der Möbelschauraum im ersten Stock herhalten. Wie man sich dann noch findet? Per Eingebung oder per Handy.
    foto: lisi specht

    Gewohnt wird in der ganzen Schuhfabrik. Als Wohnzimmer muss bisweilen der Möbelschauraum im ersten Stock herhalten. Wie man sich dann noch findet? Per Eingebung oder per Handy.

  • Artikelbild
    foto: lisi specht
  • Artikelbild
    foto: lisi specht
  • Das beste Stück: "Meine Lieblingsstücke sind diese Steine aus Äthiopien und Tansania. Das sind Vulkansteine. Sie erinnern mich an meine erste große Afrikareise. Mit 19 Jahren bin ich mit dem Moped von Schwanenstadt nach Tansania gefahren. Und auf dieser Reise habe ich gelernt, dass es im Leben nichts Schöneres gibt als das Leben. Das war eine wichtige Lektion, von der ich bis heute zehre."
    foto: lisi specht

    Das beste Stück: "Meine Lieblingsstücke sind diese Steine aus Äthiopien und Tansania. Das sind Vulkansteine. Sie erinnern mich an meine erste große Afrikareise. Mit 19 Jahren bin ich mit dem Moped von Schwanenstadt nach Tansania gefahren. Und auf dieser Reise habe ich gelernt, dass es im Leben nichts Schöneres gibt als das Leben. Das war eine wichtige Lektion, von der ich bis heute zehre."

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