Alleine auf der Flucht

23. April 2014, 09:23
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30 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Wien-Meidling betreut. Dort können sie traumatische Erlebnisse verarbeiten

Wien - "Ich habe niemanden in Österreich, nicht einmal irgendwo in Europa." Die traurigen Worte spricht mit ernstem Gesichtsausdruck ein junger Mann, der sonst meistens lächelt. Ali Akbar ist 15 Jahre alt und wohnt seit Oktober im Wohnhaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge des Arbeiter-Samariter-Bundes in Wien-Meidling. Gemeinsam mit seinem Freund und Zimmergenossen, dem 17-jährigen Mudaser, steht er Journalisten Frage und Antwort. Die beiden in Afghanistan geborenen jungen Männer genießen sichtlich die Aufmerksamkeit. Ein schelmisches Lächeln umspielt ihre Lippen, sobald sie für ein weiteres Foto posieren oder noch ein Interview führen sollen. Sie haben Spaß und erzählen gerne von ihrem Alltag im Wohnhaus. Nur über die Vergangenheit sprechen sie ungern. Wie sie nach Österreich gekommen sind oder warum sie alleine flüchten mussten - das wollen sie lieber gar nicht sagen.

Auf zwei identischen Stockwerken werden in dem Wohnhaus je 15 junge Männer im Alter zwischen 14 und 18 Jahren rund um die Uhr betreut. Wichtig seien eine fixe Tagesstruktur und eine stabile Betreuungssituation, sagt Hausleiter Christian Ellensohn vom Samariterbund. Den Jugendlichen werde ein Rahmen geboten, in dem sie traumatische Erlebnisse verarbeiten und Selbstständigkeit erlernen können. Sie kommen aus Kriegs- und Krisengebieten, vorwiegend Afghanistan und Syrien. Manche von ihnen nehmen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. "Je mehr die Jugendlichen hier ankommen, desto mehr Emotionen kommen auf", sagt Ellensohn.

Gartenpflege und Bettwäschedienst

Seit August 2013 besteht die Einrichtung in Wien-Meidling. Es komme immer mehr Alltag ins Haus, sagt Ellensohn. Die 14- und 15-Jährigen sind schulpflichtig, sie können deshalb regulär in Österreich zur Schule gehen. Für die 16- bis 18-Jährigen ist das nicht möglich, ihnen wird stattdessen täglich ein Deutschkurs angeboten. Mittags und abends wird gemeinsam gekocht. Die Nachmittage werden mit Lernen und Freizeitaktivitäten bestritten: Nachhilfeunterricht, Ausflüge, Museumsbesuche, Mal- und Trommelkurse. Ellensohn ist wichtig, dass es ein "gemeinsames Leben" im Haus gibt. Regelmäßig werden WG-Treffen abgehalten, um Probleme und Bedürfnisse zu besprechen. Streitigkeiten gebe es nur ab und zu. Meistens drehen sie sich um die Putzpläne, sagt Ellensohn.

Tatsächlich hängt in der großen Wohnküche eine lange Liste mit Tätigkeiten: Gartenpflege, Bettwäschedienst, Küchenputzdienst - jeder muss seinen Beitrag leisten. In der großen Wohnküche stehen ausreichend Tische und Sessel für alle Bewohner, an den Wänden hängen von den Jugendlichen gestaltete Plakate - von der Osterfeier zum Beispiel - und Fotos von gemeinsamen Ausflügen. Neben dem Fenster werden auf einem Tisch Jungpflanzen gezogen. Im großen Garten, der das Wohnhaus umgibt, wird gemeinsam gegartelt. Ein zweites Gemeinschaftszimmer bietet ein großes, bequemes Sofa und Tischfußball. Die jungen Leute sind jeweils zu zweit in Schlafzimmern untergebracht. Finanziert wird die Betreuungseinrichtung im Rahmen der Grundversorgung für hilfs- und schutzbedürftige Migranten. Für das Freizeit- und Bildungsprogramm sei das Wohnhaus aber auf Spenden und Kooperationen angewiesen, sagt Ellensohn: mit den Volkshochschulen zum Beispiel oder den Wiener Kinderfreunden, die einmal wöchentlich fünf Lernhelferinnen ins Haus schicken.

Nicht in Sicherheit

Ali Akbar bezeichnet das Wohnhaus als seinen "Traumplatz". "Wir sind wie Brüder", sagt er über seine Mitbewohner. Die Betreuer seien nett und würden pausenlos helfen. Der 15-Jährige besucht in Österreich zum ersten Mal in seinem Leben die Schule. "Ich bin nicht mit allen Noten zufrieden", sagt er. Auf das Zeugnis ist er trotzdem stolz. Mit Begeisterung erzählt er von den schulischen Erfahrungen. In Pakistan, wo er aufwuchs, weil er als Kind mit seiner Familie dorthin flüchtete, musste er arbeiten. Als Zeitungsverkäufer und Autowäscher unterstützte er seine Eltern und die drei Schwestern. Heute hat er kaum Kontakt zu ihnen. Nur mit seiner Mutter telefoniere er manchmal. "Es stört mich, dass sie nicht in Sicherheit sind", sagt er über seine Familie. Er vermisse sie sehr.

Mit negativen Gedanken scheinen sich die jungen Menschen aber nicht aufhalten zu wollen. Lieber sprechen sie über ihre Hoffnungen für die Zukunft. Mudaser, der in Kabul zur Schule ging, hat diese Möglichkeit in Österreich nicht. Er ist 17 und nicht mehr schulpflichtig. Eine Lehre kann er ebenfalls nicht absolvieren, da Lehrplätze unter das Ausländerbeschäftigungsgesetz fallen. Sein Asylverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Vertreten werden die minderjährigen Flüchtlinge von Rechtspflegern des Jugendamtes. Mudaser weiß aber schon, was er will: die Schule abschließen, studieren und im IT-Bereich arbeiten. Jetzt müsse er erst einmal sein Deutsch verbessern. Seit drei Monaten ist er in Österreich, seit zwei Monaten besucht er den Sprachkurs. Gut sei sein Deutsch noch nicht, sagt er streng. (Christa Minkin, derStandard.at, 23.4.2014)


Wissen: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Im Jänner und Februar 2014 wurden laut einer Statistik des Innenministeriums 148 Asylanträge von unbegleiteten unter 18-Jährigen gestellt, mehr als die Hälfte von ihnen kommen aus Afghanistan. Insgesamt halten sich in Österreich etwa 700 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf, davon sind etwa 120 im Rahmen der Grundversorgung in Wien untergebracht. Die meisten sind junge Männer, etwa zehn junge Frauen werden in einer Wohngemeinschaft des Wiener Integrationshauses verpflegt.

  • Im Wohnhaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden die jungen Leute sozialpädagogisch versorgt. Sie besuchen die Schule oder Deutschkurse. Nachmittags wird gemeinsam gekocht, gelernt, der Haushalt erledigt und die Freizeit genossen.
    foto: christa minkin

    Im Wohnhaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden die jungen Leute sozialpädagogisch versorgt. Sie besuchen die Schule oder Deutschkurse. Nachmittags wird gemeinsam gekocht, gelernt, der Haushalt erledigt und die Freizeit genossen.

  • Ali Akbar (links) und Mudaser sind in Afghanistan geboren. Ali Akbar wuchs in Pakistan auf, wohin er zunächst mit seiner Familie flüchtete. Die beiden leben seit einigen Monaten im Wohnhaus des Arbeiter-Samariter-Bundes in Wien-Meidling und teilen sich ein Zimmer.
    foto: christa minkin

    Ali Akbar (links) und Mudaser sind in Afghanistan geboren. Ali Akbar wuchs in Pakistan auf, wohin er zunächst mit seiner Familie flüchtete. Die beiden leben seit einigen Monaten im Wohnhaus des Arbeiter-Samariter-Bundes in Wien-Meidling und teilen sich ein Zimmer.

  • In der großen Wohnküche hängen Bilder von Festen und Ausflügen.
    foto: christa minkin

    In der großen Wohnküche hängen Bilder von Festen und Ausflügen.

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