Der Grazkünstler als Gesamtkunstwerk

22. April 2014, 07:02
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Die Schau "Haufenweise Schwab" über den vor 20 Jahren gestorbenen Dramatiker

Graz - Viele Jahre lang hatte Werner Schwab, geboren 4. Februar 1958 in Graz, Niederlagen einstecken müssen: Mit seinen spröden Texten konnte fast niemand etwas anfangen, seine Stücke hielt man für nicht aufführbar. Doch plötzlich ging alles unheimlich schnell: Hans Gratzer eröffnete Anfang 1991 seine zweite Ära als Direktor des Wiener Schauspielhauses mit Übergewicht, unwichtig: Unform, einem radikalen Stück, in dem sich eine Gemeinschaft von Verlierern an einem "schönen Paar" rächt. Ein prototypischer Schwab-Satz wurde als Plakat affichiert: "Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen."

Das deutsche Feuilleton jubelte, ein Star wurde herbeigeschrieben; und ein Foto von Joseph Gallus Rittenberg fungierte als ikonisches Sinnbild. Es zeigt den Hünen Werner Schwab, forsch schreitend, in einem brennenden schwarzen Umhang. Der "Grazkünstler", aufgewachsen in einem kleinbürgerlichen Umfeld, wurde von der Fachzeitschrift Theater heute zum Nachwuchsdramatiker des Jahres und gleich darauf zum Dramatiker des Jahres gekürt.

Auch die weiteren Stücke, großteils schon geschrieben, schlugen ein, darunter die witzige Tragödie Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos und das Fäkaliendrama Die Präsidentinnen, das bereits 1990, leider wenig beachtet, in Wien uraufgeführt worden war.

Schwab, nun mit Stückaufträgen überhäuft, sah seinen Aufstieg als "Projekt" und stilisierte sich selbst zur Kunstfigur. Auf die Fäkaliendramen folgten die Königskomödien, im Oktober 1992 meinte der Autor: "Die einzige Strategie, die's jetzt noch geben kann, ist, in aller Ruhe und gemessen zum Klassiker zu mutieren."

14 Monate später, am Morgen des 1. Jänner 1994, wurde Schwab von seiner damaligen Freundin tot aufgefunden; er soll 4,1 Promille Alkohol im Blut gehabt haben.

Zum 20. Todestag stellte Daniela Bartens für das Grazer Literaturhaus, das vor vier Jahren den Nachlass erworben hat, eine Ausstellung zusammen, die den passenden Titel Haufenweise Schwab trägt: Sie beeindruckt einerseits mit Materialfülle, andererseits ist sie eine komplexe Installation aus Skizzen, Tönen, Interviews und Videos zu Werner Schwab, der in Wien bei Bruno Gironcoli studiert hatte, als "Gesamtkunstwerk".

Den zentralen Raum richtete Anna Schwinger mit Holzpaletten und einem fleckigen Teppichboden echt "schwabisch-schrottig" ein. Hier wird die Biografie nachgezeichnet. Breiten Raum nimmt die Oststeiermark ein, wohin sich Schwab in den 1980ern mit seiner damaligen Frau Ingeborg Orthofer zurückgezogen hatte. Dort entstanden neben Skulpturen aus Tierkadavern die ersten Texte.

Der rechte Raum geht auf Schwabs Künstlerfreundschaften und Kollaborationen ein. Erstmals zu sehen sind Fotos von János Erdödy, die den blutjungen Schwab in einer Priester-Aktion von Erwin Wurm zeigen. Und der linke Raum beschäftigt sich mit der Rezeptionsgeschichte. In einem großformatigen Buch sind alle Produktionen aufgelistet. Über acht der 16 Seiten erstreckt sich das Stück Die Präsidentinnen (es ist gegenwärtig im Wiener Volkstheater zu sehen), die Volksvernichtung kommt auf drei Seiten. Die meisten der insgesamt 16 Stücke erlebten aber nur zwei oder drei Inszenierungen. Es gäbe also noch einiges zum Wiederentdecken. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 22.4.2014) 

  • Aktion in Graz von Erwin Wurm: Werner Schwab. 
    foto: jános erdödy

    Aktion in Graz von Erwin Wurm: Werner Schwab. 

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